ARWED VOGEL

 


 

Prügelweg

 

Warum nicht über lmmenstadt fahren. Warum nicht Martha abholen. Am Moor vorbeifahren, aussteigen, nur aussteigen, nur die Hügel, den Wald sehen.

Die Autobahn vor Kempten, die Fernstraße bis Immenstadt, wandernde Waldlinien am Horizont, etwas zu dunkel, die Andeutung von Bergen, blau in hellem Himmel schattiert. Der Abzweig Bauhof, die Illerbrücke hinüber nach Rauhenzell.

Warum nicht Martha abholen, ich muß nicht in die Stadt hinein. Daß ich an Martha denken muß, wenn ich arbeite, wenn ich an Martha denke. Martha freut sich, warum Martha nicht mitnehmen. Wenn sie Zeit hat, freut sie sich. Das Krankenhaus am linken lllerufer, ich muß nicht in die Stadt hinein, so groß ist die Stadt nicht, ich muß nur nach Bauhof nicht links abbiegen, eine Viertelstunde Umweg nur.

Zu wissen, daß Martha Frühschicht hat. Immer am Wochenende, wer weiß warum. Weil die Eltern zu Hause sind oder wegen der Schwester, wahrscheinlich wegen der Schwester. Wenn Martha Zeit hat, freut sie sich.

- Martha - rufe ich, als sie durch den Personaleingang nach draußen kommt, das Haar gebunden, die Augen drunter, das Gesicht. Noch einmal - Martha! - sie sieht mich, sie freut sich, sicher freut sie sich. - Hast du Zeit? Ich muß ins Gallmoos Martha muß ich das nicht erklären. Ob sie mitkäme ins Gallmoos. - Nicht lang - sagt Martha - ich hab wenig Zeit - . In Richtung Blaichach, die letzte Tankstelle, letzte Häuser, wo Bahnlinie und Straße sich wieder treffen, aufschiebender Mais und das hier oben, das gelbe Schild, das Rauhenzell heißt. - Fahr langsam - sagt Martha - ich fahr so gern über den Fluß -. Ihr Blick hinaus auf das kiesige Wasser, vor meinen Augen ihr Nacken, als ich anhalte und, an ihr vorbei, hinausschaue, an ihrem Nacken ihr Haar, immer dasselbe.

- Was machst du hier? - fragt Martha und schaut mich an. - Das Gelände nochmal sehen - sage ich, was soll ich sonst sagen. Immer dasselbe Haar; Martha, die bei den Grabungen rechts neben der Absperrung stand, am ersten oder zweiten Tag schon oder an beiden, und ich, der sie erst am zweiten Tag sah; Marthas Schnaufen, das ich da noch nicht kannte, sie hat was mit der Nase oder tiefer, das Schnaufen ist nur zu hören, wenn ihr Kopf dem meinem nah ist.

- Was macht deine Arbeit? - fragt Martha, als wir weiterfahren; Martha war mir nicht aufgefallen am ersten Tag, es war einfach zu viel zu tun, es war zu warm, natürlich habe ich sie am zweiten Tag gesehen, die Hände am Plastikstreifen zwischen zwei Pfosten am Rand der Straße. Der dünne gelbe Pullover oder ihr Haar, ich weiß nicht, was zuerst, was mir auffiel. Eine Grabung wie jede Grabung, zu heiß am ersten Tag, am zweiten Tag Wolken. Das Freilegen der Rundhölzer, die zweite Lage, sieben Bohlen, jede drei Meter lang, das Abheben, langsam, darunter Querhölzer, fünf Stück. Martha am Rand der Absperrung, der Professor, immer mit erdigen Händen, obwohl er selbst nicht gräbt, das Hemd aus der Hose, der Reißverschluß offen, als ob das dazugehört.

 


 

ARWED VOGEL