Alexej Moir

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Bier aus Vranje
- Eine balkanische idylle -

 

Der weit geöffnete soldatenmantel fällt bis über die stiefel herab. Darunter lugt das kragenlose hemd hervor. An der seite die andeutung des hüftschlitzes. Die hose, mit einem stoffband bauschig gerafft, umschließt mit der ausladenden bundweite mühelos den mächtigen körper. Im linken arm liegt ein hinterlader oder ein schrotgewehr, geborgen und hellwach wie ein früh gealtertes kind. Der rechte verdeckt die brust mit ihren orden. »Der vojvode Vuk trägt mehr lametta als jeder andere clown und held. Als größter reiter aller zeiten hat er viel zu dünne und viel zu magere arme. Die können doch nichts halten. Keinen pflug, keine botschaft, keinen schwur«, sagt Mischa. Mischa, arbeitsloser journalist, verschwörer auf abruf, plakatekleber, hasardeur. Der reiter ist über den kopf des tieres gebeugt. Der breitkrempige hut ersetzt das gesicht. »Unter einer solchen glocke gedeihen visionen von knatsch und metzeleien«, sagt Vanja. Vanja hat pädagogik studiert und geht putzen, wenn ein kriegsgewinnler nach durchzechter nacht im dreck aufwacht und nach ihr schickt. 
Der schwere gaul aus bronze hat zum sprung angesetzt. Nach Krutschevo. Nach Svetozarevo. Nach Paladin. Nach süden, wo was los ist. Vuk der vojvode ist bereit. »Unter den toten muss es dir langweilig sein, denn die lieben den frieden«, sagt Mischa. »Lass mich dein herz herausschneiden und sehen, woraus es gemacht ist.« Auf dem monströsen Streitross wirkt der vojvode fast filigran. Schlank und fein wie der rauch einer zigarette. Und doch hätte sein bloßer schatten eine größere stadt in schrecken versetzt.

 
Schon eine ganze weile starren wir auf pferd und reiter. Wir sitzen auf der parkbank und trinken bier aus Vranje. Mischa, Vanja und ich. Ich schreibe über den vojvoden. Die chronik seiner taten. Von einem entlassenen professor der ökonomie habe ich eine alte schreibmaschine ergattert, deren g-Taste hakt. Also schreibe ich die geschichte ohne g. Die obdachlosen wörter liegen unbekümmert auf den stühlen der cafés, in den wartesälen der bahnhöfe, zwischen den beinen schamhafter kokotten, in den pissoirs. Die einen wörter haben g's. Die andern nicht.


Wir trinken bier aus Vranje. Nach jeder demonstration treffen wir uns am reiterstandbild des vojvoden Vuk. »Ihr bellen ist voller blut. Aber keiner hört mehr hin, was sie auch reden«, sagt Mischa. » Der erste verkündet mitten im sommer, Christus sei auferstanden und mit ihm das ganze volk. Sein nachredner weiß, dass der diktator längst auf gepackten koffern sitzt. Nur wolle ihn niemand haben. Keiner hört mehr hin. Kein wunder nach hundertzweiunddreißig demos.« Wir hocken vor einem 20stöckigen hochhaus mit einem kasten bier. Aus hubschraubern werfen anhänger des diktators massenhaft flugblätter. Ein ungeöffneter packen dieser 'nebelkerzen' fällt aus dem obersten stock und hätte um ein haar meinen kopf zerschmettert.


Die stadt ist ausdruckslos unter den zarten, grauen, kaum bewegten wolken, die alle dinge mit beruhigender farblosigkeit umhüllen. An den kiosken hängen die bilder ungefährlicher leute. 
»Keiner hört mehr hin. Sie sollten den himmel in ruhe lassen. Den frieden muss man zahnlos erwarten, im frieden braucht niemand seine zähne, weil man ohnehin nur dreck fressen wird.« Vanja lacht wie von sinnen. Ihr lachen reißt mich entzwei, ihr lachen näht alles wieder zusammen. An ihrem lachen unterscheide ich den tag von der nacht. Sie verdrückt sich mit Mischa in einen verblühten jasminbusch. Als sie zurückkommt, sieht sie nicht aus wie jemand aus dieser zeit. »Ich werde noch schwanger werden, wenn du mich so streichelst, beißt und küsst,« sagt sie.


Wir trinken bier aus Vranje.
»Wenn ich liebe, liebe ich vom himmel bis zur hand, mit der meine liebe vom grund des meeres die schiffbrüchigen hebt«, sagt Vanja. »Die liebe ist so allein und so voller welt. Die liebe ist ein leuchtturm und gerettete matrosen, schrieb der vojvode Vuk«, sagt Mischa. »Als er Beli Belaj erobert hatte, ließ er die bewohner der reihe nach köpfen. Die schädel nahm er als beutestücke mit. Aus dem der schönsten frau trank er den wein, wenn ihn vor morgengrauen das dichten überkam.« Ich sage: »Im grunde war er weich. Einmal wollte er die stadt  Harmija überfallen, bevor dort verstärkung eintraf. Auf einem gebirgspfad stieß er auf eine schildkröte, die über den weg kroch. Vuk zügelte sein pferd und rührte sich nicht vom fleck, bis das verschüchterte tier schließlich im geröll verschwunden war. Er blieb so still, dass er fast das herz der schildkröte hätte hören können. Er selbst hat ja keins.« »Wenn ich liebe, liebe ich bis zur hand, die maschinen anheizt, särge zum leben erweckt und gitter zerbricht«, sagt Vanja.

 

Wir sitzen auf der bank und trinken bier aus Vranje. Eine junge frau schiebt einen kinderwagen mit einer puppe durch den park. Zwei ältere Männer halten sich an den händen und küssen sich. Ein priester geht mit hocherhobenem kopf vorüber. Als könnte er den himmel nicht in ruhe lassen. Auf allen vieren sucht ein krüppel seinen weg. Er trällert etwas unhörbares vor sich hin. Keiner von ihnen spricht. Vielleicht sind es auch nur schatten. Die stadt ist ausdruckslos und atmet kaum, als ob sie vom ring eines unsichtbaren feindes umzingelt sei.


»Meine verzweiflung nimmt langsam die form eines herzens an«, sagt Mischa. »Das herz ist von so bestimmter form, so widerlich, fleischig, voll und glatt. Mein ganzer körper nimmt nach und nach die form dieses herzens an, das unaufhörlich pumpen sollte und doch nicht schlägt.«
Ich sage: » Nirgendwohin sich begeben, nirgendwohin streben - warten. Bis wir am menschlichsten sind.«
Mischa und Vanja sagen nichts.

 

Wir trinken bier aus Vranje.
Dann stehen wir auf und gehen schwankend zum vojvoden Vuk. Wir stimmen ein schwermütiges lied an, als ob es aus den tiefen winkeln einer kirche käme. Das lied von der hure, dem helm und der fahne. Es ist beinahe ein geflüster.


Frag nicht, wie wir auf den gaul gekommen sind. Platz da, vojvode, wir reiten mit dir. Nach süden. Wo was los ist. Vuk gibt dem pferd die musealen sporen. Er stinkt jetzt wie ein richtiger soldat nach schweiß, ruß und verbranntem. Die flamme leckt über die dächer und steigt qualmend zum himmel. Wir treiben die leute rund um ihre kirchen. Den bärtigen popen hängen wir an seiner zunge auf, direkt über dem portal. Das dorf ist im nu erledigt. Dann kommt ein junge mit einer ikone. Er rennt auf uns zu und schreit: »Leute, gott sieht alles, alles. Laßt mich, ihr guten menschen.« Der vojvode böllert aus seinem herrlichen maschinchen, aber er trifft nicht. Er ist wohl etwas aus der übung. Der junge rennt nach links, dann nach rechts, küsst seine ikone und schwenkt sie, als wolle er uns mit ihr drohen. Wir treiben ihn um die brennende kirchenruine, er darf sogar seine ikone aufheben, die in die asche gefallen ist. Er rennt und rennt und Mischa, Vanja und ich schreien ihm alle flüche aus unserer dreißigjährigen erfahrung nach. Er bleibt uns nichts schuldig und flucht zurück. Er bewirft uns mit lehmklumpen, mit steinen und holzstückchen. Er krallt sich in die mähne des pferdes und bespuckt es. Der vojvode böllert erneut. Umsonst. Wir treiben den jungen weiter. Der schweiß läuft mir in strömen über den körper. Ich habe angst vor den wahnsinnigen augen des jungen und vor seinem heiligen. Endlich fällt er zu boden. Der vojvode schießt nicht. Er stoppt das pferd. Der junge ist an seinem eigenen schrei erstickt und sein herz ist vor anstrengung zerborsten.
»Weiter, vojvode«, sagt Mischa, »nehmen wir den pfad, der von werwölfen und wilden ziegen getrampelt ist.« Seine großen augen haben einen verlorenen ausdruck. Er träumt schon zu lange vom paradies. Da muss er an leichen vorbei, die noch ganz frisch sind, ja jung und hübsch. 
Der vojvode gibt dem pferd die musealen sporen. Er trägt eine standarte. An der spitze steckt ein damenschlüpfer und flattert im wind.