Hanna Lühr und Markus Pithan

 


Zockers Ort

 

Annäherungsversuche

Wir wollen uns von gewissen Indizien leiten und verführen lassen, miterleben, was seine Geheimnisse anrichten, sie für unsere Zwecke benutzen ...

Mathieu Carriére: für eine literatur des krieges, kleist

1. Das Material

Primärtext, verfasst von einer Person in polnischer Sprache:

 

Sekundärtext, verfasst von einer anderen Person in deutscher Sprache:

Jamaicas zarte Zinn-Walze 
Maria zog Nieswurz in Nil-Oasen. (Potz!)
Sag’ Yeti:
Jucken Pocken?
Kopulieren Siamkatzen mit Salat
wie Akazien in Gas-Zisternen zucken?


HANNA LÜHR UND MARKUS PITHAN

 

 


 

 

 

 

 


PC-Ode Azur-Zikade packt Damenjacke auf’s WC, 
leckt am Aaltrog u. zirpt.
Wo war Jazz ein Yoni?
Ceylon?
Spa?
Ei-in-Bad-Zyklus
(Ja proper, Cicero!)
Ciao Zypern!
Jazz-Oase,
Zockers Ort.
Wo Tic noch Wagnis,
ja zeitlos wie Purin-Lack ist.
Ciao, Zypern!

Die Fettmarkierung weist auf den Buchstabensatz hin, den der Autor des Sekundärtextes ohne die Kenntnis der polnischen Sprache aus dem Primärtext auswählte und für sein Sprachgebilde nach der Anagrammmethode verwendete.
2. Das Untersuchungsziel: Aufzeigen von eventuellen Entsprechungen in beiden Texten
3. Untersuchungsmethode: Vergleich beider Texte auf der phonetischen und semantischen Ebene (hierbei wird die übersetzung des Primärtextes ins Deutsche als Hilfsmittel angewendet).

Folgende Beispiele zeigen eine Art Klangverwandtschaft zwischen den in beiden Texten frei gewählten Worten, die sich aus dem Vorkommen der partiell gleichen Buchstaben in einer nicht unbedingt gleichen Reihenfolge ergibt:

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HANNA LÜHR UND MARKUS PITHAN

 

 


 

 

 

 

 


Bei den letzten zwei Beispielen ist darüber hinaus eine Art Verwandtschaft auf der semantischen Ebene festzustellen. Phonografisch betrachtet hat das Wort „miast” zwei Bedeutungen, in über­set­zung ins Deutsche (für diesen Zweck ist es nicht wichtig, welche von ihnen im Primärtext beansprucht wird): „statt” und „Städte” (in dieser Form im Original als Genetiv im Plural). „Städte” und „Oasen” gehören der gleichen Wortkategorie an, und zwar der der Ortsbenennung. „Punktem” (im Original als der im Deutschen nicht vorhandene Fall Instrumentalis) hat die gleiche Bedeutung wie auf Deutsch „Punkt”. „Punkt” und „Pocken” gehören zwar nicht der gleichen Wortkategorie an, haben jedoch einen Aspekt gemeinsam: „Pocken” lassen sich in ihrer realen Form als „Punkte” beschreiben.

Der Vergleich des ins Deutsche übertragenen Primärtextes mit dem Sekundärtext könnte noch weitere Entsprechungen erschließen.

Tarnungen
 
schichten. Räume der Sehnsucht statt an Bedeutung zu gewinnen,
werden lediglich zum Punkt plötzlicher Neugier, des Hoffnungsblitzes,
der Rührung, des Grauens, des Entzückens. Doch hat aber
Proportionen 
niemand auf ein Mal und Ewigkeit festgelegt. Ihr Spiel
ist ab und für Jetzt jeweils zu beherrschen.

 

Einverständnis
markiert wie ein roter Pfad
Intervalle der Bewegung. Zur Ruhe Kommendem gibt es Durchblick.
Er braucht noch nicht mal seine Augen zu schließen.

 

Jedes Wort des markierten Teils des Sekundärtextes ist unter der Prämisse entstanden, dass es eine Wahl aus potenziellen Buchstabenverbindungen unter dem Aspekt seiner identifizierbaren Bedeutung darstellt. Alle Wörter dieses Teils sind im Duden „Die deutsche Rechtschreibung” von 1996 zu finden. Ihre Entstehungsmethode (Anagrammbildung) ist jedoch ihrem phonografischen Bild nicht anzumerken, sie ist „getarnt”. Als „Tarnungen” „schichten” die Wörter im Verbin­dungs­vorgang zu Sätzen und Satzäquivalenten weitere mögliche Bedeutungen („Räume der Sehnsucht statt an Bedeutung zu gewinnen, werden lediglich zum Punkt ...”). Der Ansatz des Autors ist dabei, die Syntaxregeln im Deutschen zu befolgen, jedoch nicht obligatorisch die semantische Ebene zwecks der Sinnstiftung innerhalb eines Satzes, einer Strophe oder des gesamten Textes mit einzubeziehen (Das Spiel der /Sprach-/Proportionen ist ab und für Jetzt jeweils zu beherrschen).


HANNA LÜHR UND MARKUS PITHAN

 

 


 

 

 

 

 


Auch, wenn der Primärtext unter einer ganz anderen Voraussetzung, in einer anderen Sprache etwa sechs Jahre früher als der Sekundärtext verfasst wurde und die beiden Autoren sich seinerzeit dann nicht gekannt haben, fallen bei all der fehlenden Unmittelbarkeit doch weitere Affinitäten zwischen den beiden Texten auf. Beispielsweise:

„Kopulieren Siamkatzen mit Salat” spricht eine unerhörte Begebenheit an, „plötzliche Neugier” auslösend.

Eine der Eigenschaften von „Akazien” ist ihr grün-Sein und diese Farbe steht traditionell für Hoffnung („Hoffnungsblitz”).

„Gas-Zisternen” zwängen beinahe die Assoziation mit KZ’s auf, eine der äußersten Prägungen der Empfindung „des Grauens”.

„Zucken” und „Entzücken” sind im Wortlaut ähnlich und ihr Stamm hat die gleiche Herkunft.

4. Frage statt Fazits: Sind sich die beiden Sprachen näher als angenommen?

„Zockers Ort. Wo Tic noch Wagnis, ja zeitlos ... ist.”?