Eike-Wolfgang Kornhass

 


Mrs. Gray

 

Fließende Präsenz ohne Zukunft. Geliehene Gegenwart, die sich aus den Strömen der Vergangenheit speist. Fixierte Körperlichkeit in rückwärts gewandter Bewegung mit über sich selbst hinausweisender Wirkung. Im Augenblick festgehalten, doch ungreifbar bleibend, niemals erstarrt. Beschworene Aporie des „Verweile doch, du bist so schön!“ Eine Frau ohne die dritte Dimension der Zeit, der Gnadenlosigkeit weiteren Alterns enthoben durch die erbarmungsvolle Zäsur des letzten Pinselstrichs. Gott, der Welt oder auch dem Teufel zum Gruße, Mrs. Gray!

Hat der Künstler allein die Kraft besessen, Sie zu schaffen oder haben Sie selbst in seinem Ideenreich den Funken der Imagination geschlagen und dann das Feuer genährt, Sie so und nicht anders zu porträtieren? Niemand wird es je erfahren. Fest steht jedenfalls: Schon im Verlauf Ihrer Gestaltwerdung, spätestens im Moment der Vollendung, mußte der Meister seine Verfügungs­gewalt über das Werk abgeben. Von da an besteht nur noch Ihre eigene Wesenheit, essentiell konzentriert im Ausdruck der Augen: nach innen gewandt und gleichzeitig anwesend, sich darbietend und entziehend in einem. Autonom, einmalig, auch vom begabtesten Kopisten, ja nichtmal vom Maler selbst zu wiederholen. Der mag sein Schicksal geahnt und den Schlußstrich hinausgezögert haben. Doch auch ein unfertiges Bild erzeugt Qual. Um die Spannung zu lösen, bleibt nichts anderes, als im Akt vollständiger Selbstentäußerung den Sieg der Vollendung zu erringen und im selben Atemzug die Niederlage des Verlustes zu erdulden. Die Mission des Künstlers ist damit erfüllt, fortexistiert nurmehr das Kunstwerk. Macht geht jetzt allein von Ihnen aus, Mrs. Gray! Und obwohl selbst zur Handlungsunfähigkeit verdammt, werden Sie künftig beim Betrachter heftige Reaktionen hervorrufen und manchmal auch Aktionen evozieren.

Ich habe Sie als berühmtes Gemälde gekauft, Madam. Meine Motive hierfür, ich gebe es zu, waren nicht bloß edler Natur. Ich wollte über den Kunstgenuß hinaus auch das Renommée, welches das Eigentum an Ihrem Bildnis versprach. Denn meine Eitelkeit ist grenzenlos. Heraus­ragende gesellschaftliche Stellung, Reichtum, politischer Einfluß genügen mir nicht. Zwar blieb mir aus körperlichen Gründen die unmittelbare Wirkung einer animalischen Ausstrahlung stets verwehrt. Umso intensiver spielte ich auf der Klaivatur aller anderen denkbaren Möglichkeiten, um endlich die Inthronisation als Sonnenkönig feiern zu dürfen. Doch ein roi du soleil bedarf besonderen Glanzes, den nur die Schönheit verleiht. Deshalb nahm ich die Gelegenheit wahr, in die Rolle des feinsinnigen Kunstsammlers und -Kenners zu schlüpfen, dessen Aura die schon erreichten profanen Erfolge geradezu spirituell überstrahlt und noch den letzten Zweifler an seiner Divinität zu blenden vermag.


Eike-Wolfgang Kornhass

 

 


 

 

 

 

 


Gleich einer teuren Kokotte habe ich Dich bezahlt und benutzt, Mrs. Gray. Du dienst mir als Kleopatra, Lukretia, Pompadour, Kameliendame. Du steigerst meine Macht und camouflierst eine tote Seele. Doch darüber Hinausgehendes läßt Du niemals zu. Deine Haltung bleibt passiv, Dein Blick unergründlich. Diese Beobachtung fasziniert, irritiert, ja provoziert mich in wachsendem Maße, seit ich begonnen habe, über Dich nachzudenken, um das Geheimnis Deiner evidenten Wirkung zu entschlüsseln. Aber Du leistest Widerstand, stummen Widerstand. Nicht im Sinne von Revolte, sondern eines unspektakulären, stillen und nachhaltigen Verharrens im Zustand der Undeutbarkeit. Dir eignet das Wesen der Sphynx. Du bestimmst die Regeln des Geschehens, denen auch ich mich wohl zu unterwerfen habe. Obgleich ich nie Anlaß gesehen habe, mich auf Andere wirklich einzulassen, bin ich auf einmal bereit, Deine Fragen („Erkennt etwas in Dir sich wieder in mir?“) gewissenhaft zu beantworten, um damit listig die Gunst zu erlangen, auch auf meine Fragen eine Antwort zu erhalten. Du jedoch hast geschwiegen, bist Deiner Bestimmung gefolgt, das unlösbare Rätsel zu verkörpern.

Die Hilflosigkeit, in der Du mich hinterläßt, gebietet es schließlich, Pygmalion zu spielen, um so vielleicht hinter den Akzidentien der Substanz ansichtig werden zu können. Dazu muß ich den Pakt schließen. Mit seiner Hilfe mag ich erkennen, was Dich im Innersten zusammenhält. So sitze ich denn nächtelang vor Deinem Bild, den Pferdefuß im glänzenden Maßschuh verborgen: „Komm, schöne Frau, ich lege Dir die Welt zu Füßen, lustwandle mit mir in den hängenden Gärten von Semiramis, sei die Königin meines Herzens, trage den Koh-I-Nor in Deiner Krone, bestimme die Geschicke von Saba, Assur, Ninive aufs Neue, residiere als Herrscherin urbis et orbis in der Kuppel des von mir zuende gebauten Turms von Babel!“

Alt bin ich nun. Macht und Einfluß mußte ich Anderen, Jüngeren überlassen. Einsamkeit, welche mein kaltes Herz ein Leben lang um sich verbreitete, hat mich jetzt selbst eingeholt. Was bleibt, sind über mich verhängte, als Altersweisheit getarnte Einsicht und widerwillig gelebte Demut. Respekt der Menschen mir gegenüber habe ich stets eingefordert und immer erlangt. Ich selbst hingegen gewährte ihn niemandem jemals. Allein Sie, Mrs. Gray, machen die Ausnahme. Sie haben meine Fragen nicht beantwortet, sind auch meinen Verführungskünsten nicht erlegen. Den Schleier zu lüften, war mir nie vergönnt. Da verblaßt auch der hoffärtige Trost, daß Sie ihr Mysterium keinem Anderen, und wäre er der göttliche Sänger Orpheus gewesen, offenbart hätten. Alle waren bestechlich, sogar der berühmte Malerfürst, der Sie schuf und mir widerstrebend erst nach Jahren gegen einen horrenden, sittenwidrigen Preis verkauft hat. Einzig Sie haben sämtlichen Versuchen widerstanden, die Magie Ihres Ausdrucks durch intellektualistische Exegese zu brechen, den irisierenden Zauber Ihrer Erscheinung mithilfe von rubrizierenden Analysen zu banalisieren. Eben dies, das Geheimnis des hinter der Erscheinungsform Liegenden zu wahren, wie das der Liebe und des Numinosen ewig unberührt bleiben muß, macht Sie zum Kunstwerk, verleiht Ihnen die fraglose Aura des opus magnum, erhebt Sie über unseren Alltagshorizont ins Zwischenreich, in welchem nur das Geniale Bleiberecht genießen darf.


Eike-Wolfgang Kornhass

 

 


 

 

 

 

 


Allein diesen Aufzeichnungen, keiner Seele sonst, will ich es anvertrauen: wenigstens im Angesicht Ihres Portäts, Mrs. Gray, ist meine Hybris zerbrochen. Die Konfrontation mit Ihnen ist beendet. In einer Art einseitiger Symbiose habe ich mich mit Ihnen arrangiert und wir leben fortan gemeinsam, nachdem ich Sie zwischenzeitlich schon im Keller hatte deponieren, mit Laken verhängen, dann aber doch wieder in die Oberwelt meiner Unterwelt zurücktransportieren lassen. Gerade durch unauflösliche Distanz bin ich Ihnen nähergekommen. Manchmal artet mein Verhältnis zu Ihnen fast in Anbetung aus und in seltenen Sternstunden steigt das Gefühl auf, Sie im Rahmen meiner mageren Möglichkeiten sogar lieben zu können. Doch will ich nicht übertreiben und nehme mich sogleich wieder in die Pflicht, welcher ein altes zirrhotisches Herz zu genügen hat. Und so belasse ich es bei der Pflege einer ritualisierten Gewohnheit, nämlich nächtelang vor Ihnen zu sitzen, Mrs. Gray, nunmehr seltsam heiter und nichts mehr fordernd, Ihre unauslotbare Schönheit mit nur in solchen Augenblicken zurückkehrender kindlicher Naivität zu genießen im Angesicht des nahenden Todes, den Fuß im brüchigen Maßschuh verborgen.