Hermann Wenzel

 

 

 

 

 

 

 


RUNEN AUF DIE MÜLLKIPPE DER GESCHICHTE?

Die Welt der Runen, wurde sie zu Recht auf die Müllkippe der Geschichte verbannt, nur weil ein verbrecherisches Regime sie, 2000 Jahre nach ihrer Entstehung, in entstellter Form seiner Ideologie zu Nutze machte?

Oder wäre auch hier Wiedergutmachung angesagt, Wiedergutmachung an der kaum bekannten, doch gleichwohl beschädigten Geschichte der Germanen, die mit tiefer Religiosität und unglaublich feinsinniger Spiritualität in einer beginnenden Wissenschaft aufgeleuchtet war und im Siegeszug des Christentums ihr jähes Ende fand?

Hermann Wenzel

Offener Brief in Sachen FUThARK         
(gekürzt) an

Prof. Dr. Klaus Düwel             
Institut für deutsche Philologie  
Göttingen

Sehr geehrter Herr Professor Düwel,

seit Ludvig Wimmer hat die Runenforschung wesentliche Fragen beantwortet, dennoch dürfte auch heute noch das, was man von Runen nicht weiß, umfangreicher sein, als das gesicherte Wissen über ihre Hintergründe und ihr eigentliches Wesen.

Wo kommen sie her? Wo, wann, von wem und mit welcher Kenntnis und Absicht wurden sie geschaffen? Was haben sie mit den Alphabeten zu tun? Gibt es eine Systematik der Runen-Namen? Was bedeuten die überlieferten Runen-Gruppen, die FUThARK-Formel, die ættiR? Wie kommt es zur Reihenfolge des FUThARK? Was bedeuten die unverständlichen Runenfolgen, z. B. Inschrift (17.) auf der Prunkspange von Fonnås? Was hat es mit dem postulierten Zahlencharakter der Runen auf sich? Warum wurde das jüngere FUThARK um acht Runen verkürzt und warum diese spezielle Auswahl? Wie sind die Zeichenformen der Runen entstanden? Warum wurden die jüngeren Runen so stark in ihrer Erscheinungsform verändert?

Nachforschungen im Bereich alphabetischer Phänomene von Ugarit bis zum arabischen Maghreb führten mich über die Araber zum FUThARK, das mir als die Zeichenfolge der Runen bis dahin unbekannt war. Die Faszination, die von ihm ausging, ließ mich nicht mehr los. 

Zunächst fünf Thesen, deren Evidenz ich im Prinzip und in wesentlichen Auswirkungen behaupte aufzeigen zu können.

(Nachfolgend Indikativ aus methodischen Gründen):

Das ältere FUThARK ist ein umgestelltes und erweitertes Alphabet nach mediterranem Muster. Neben der FUThARK-Folge besteht ein verborgenes Runen-Alphabet.

Unter der lautlichen Oberfläche des FUThARK, sowie einer Anzahl von Runen-Inschriften, befinden sich Inhalte, deren Gegenstand die >Zeit< ist.

„Die Runen-Namen bezeichnen „Qualitäten der Zeit“. Sie bilden eine differenziert strukturierte und numerisch gestützte Nomenklatur mit Bezug auf die Reihenfolge des FUThARK und das zugehörige Runen-Alphabet.

Die linearen Zeichenformen der Runen (Art und Verbindung der Hasten) unterliegen numerisch-kybernetischen Bedingungen.

Für das jüngere FUThARK gelten die gleichen Thesen. Seine Schöpfer handeln in voller Kenntnis des alten Runen-Systems.

Einige sporadische Ausführungen:

Die Hypothese von der Alphabet-Form der gemeingermanischen Runen lautet:

 

a   b   g   d   e   h   j   l   m   n   o   p   þ   r   s   t   u   f(vh)   w   k(kh)   i   ng   ï   z/R

Alphabetform der älteren Runen

 

f(vh)   u   þ   a   r   k(kh)   g   w   h   n   i   j   ï   p   z/R   s   t   b   e   m   l      ng   d   o

 

FUThARK (nur *ingwaz (ng) hat seinen „alphabetischen Platz“ als drittletztes Zeichen  behalten)

Das alte Runen-Alphabet wurde von den Schöpfern des FUThARK, als eine Auswahl aus alphabetischen Möglichkeiten, mit großem Bedacht zusammengestellt. Ja, man muss sagen, es wurde aufwendig errechnet.

Dies waren die ersten Schritte zur Ausbildung des FUThARK: Eine Zeichen-Kette nicht ganz regelmäßig steigender Platznummern mit 24 Positionen bei 10 Lücken. (Eine Lücke besteht beispielsweise zwischen e und h. Es fehlen ‘digamma’ und ‘zeta’*fehu(f)erweist sich phonologisch und im numerischen Experiment als *vh und kann damit den 6. Platz (f) nicht einnehmen. Es kommt,Lücken mitgezählt, an die 24. Stelle (so auch Agrell).

Die Beweisführung der richtigen Rekonstruktion des runischen Alphabet-Systems erfolgt durch Alphabetvergleich und -diskussion (Phönikisch, Griechisch, Etruskisch, Lateinisch, Gotisch, Arabisch), durch eine Kombination aus phonologischen und numerischen Kriterien sowie mit Hilfe geometrischer Figurationen (rhythmische Muster der Zeichenanordnung) und numerisch-astronomischer Daten, die sich im Aufbau des FUThARK und anderer Runen-Epigraphik wiederfinden.

Ob es überhaupt ein einziges Musteralphabet gab, auf dem die Entwicklung des FUThARK basiert ist fraglich, da es primär nicht um eine Übernahme der äußeren Erscheinungen der Zeichencharaktere ging, sondern um die innere Struktur und die Bezüge, die sie untereinander haben. Es ging um ein alphabetisches Gewusst-Wie im Umgang mit religiös zu definierenden Elementen ( s t o i c e i a ), das mehrere Komponenten umfasste. Das Aussehen der Runen wurde mit Hilfe eines kybernetisch-harmonischen Regelwerks komponiert. Nach der Vorgabe von einigen historischen Zeichen, die möglicherweise aus verschiedenen Alphabeten entlehnt wurden und die nicht einmal den entsprechenden Platz richtig vertreten mussten, fand eine Mengenverteilung von Eigenschaften ebenfalls vorgegebener Zeichenbauelemente (senkrechte, schräge und gerundete Glieder) nach Anzahl, Art und Lage statt. Sie wurden durch Superzeichen wie Sterne, Swastika, Dreipass, Vierpass und netzartige Strukturen sowie mittels Zahlwort-Folgen gesteuert (verknotet). Die Variantenbreite der Zeichenformen stellt besonders im älteren FUThARK eine Schwierigkeit dar, die originären, zum strengen Grundsystem gehörigen Zeichenformen zu erkennen.

Problematisch ist die Rekonstruktion der Rangfolge der letzten sieben Zeichen der Alphabetform, (f(vh) - w - k(kh) - i - ng - ï - z/R), da bei ihnen die Reihenfolge möglicher Musteralphabete nur bedingt herangezogen werden kann. Es besteht jedoch eine alphabetische Gesetzmäßigkeit - sie basiert auf phonologischen und numerischen Kriterien - die hier sehr hilfreich ist.

Das dritte Bein der Beweisführung (Geometrie, Arithmetik, Astronomie) bestätigt durch Unbestechlichkeit der Zahl und der Geometrie die Richtigkeit der wiederentdeckten runischen Alphabetkette. Das wohlkonstruierte und dennoch labyrinthische Gebäude des FUThARK-Mandala, Planetarium, Orakelvorlage und Lautsystem zugleich - tritt zutage, eine wahrhaft fantastische Angelegenheit, ein Gebäude aus Quantitäten, Rhythmen und Qualitäten der Zeit, angezeigt durch die ewige Wiederkehr der Gestirne. Das Alphabet war dem Altertum „..das Abbild des in sich ruhenden Kosmos“ (Dornseiff).

Und so gibt es sie doch, die Zahlen in den Runen, aber nicht, dass jeder Rune nur eine Zahl entspräche, oder dass dies abstrakte Zahlen in unserem Sinne wären. Von Zahlen-Ebenen muss gesprochen werden, besser von Zeit-Ebenen, und davon gibt es neun („...Neun Hauptlieder lernte ich...“). Die Einheit der Zeit ist der „Tag“ (d). Jeder Rune entspricht, in Abhängigkeit von der Zeitebene, eine Anzahl von Tagen. Die kleinste Tagesmenge ist 1 Tag und die größte durch eine einzige Rune verkörperte beträgt 7060 Tage in der höchsten Zeitebene, die ich die „vermählte Zeit“ nenne, weil mediterranes Alphabet und runisches FUThARK sich durch Überlagerung quasi „vermählen“.

Auf dieser Grundlage einer verwobenen, x-fach rhythmisch überschriebenen und dadurch recht voluminösen Zeitstruktur, der Leitformel FUThARK , basieren die zugehörigen Inschriften. Die Inschrift von (43) Gallehus z.B ist eine durch Vertauschungen fast spielerische Parodie des FUThARK. Ihre Zahlsumme 408 hat Klingenberg zutreffend in futharkischen Kardinalzahlen ausgerechnet. Es handelt sich aber um 408 Tage. Sie parodieren die gleichgroße Anzahl der Tage im FUThARK, dort jedoch in alphabetischenKardinalzahlen. FUThARK und Inschrift von Gallehus gliedern diese Zeit im gleichen rhythmischen Ablauf (a-bb-aa-bb-aa-.....-.bb-a) in die Komponenten 2 x 88 d + 2 x 116 d. Es sind die siderischen Zyklen und die synodischen Perioden des Planeten Merkur (= Odin?). Auch die unverständliche Inschrift von Fonnås (ein astronomisches Meisterwerk über fast alle Zeitebenen) schmückt sich mit diesen 408 Tagen.

Neben dem Auftreten der 7 chaldäischen Planeten im FUThARK, neben einer Schlüsselrolle für Merkur, kommt Sonne und Mond die Hauptbedeutung zu. So bezeichnet die FUThARK-Formel (in bestimmter Zeitebene) 6 Wanderjahre und 1 Tag und die folgenden 6 Runen der FUThARK-Folge bilden eine Kettenzahl für 60 Lunationen und 1 Tag. Dabei wird der FUThARK-Kreis in Quadranten gegliedert. Die Gesamtzeit der alphabetisch-dekadischen Stufen der 24 alten Runen ist 19893 Tage. Sie erscheint groß und beliebig, aber es ist eine Superzahl, die nicht nur den ganztägigen Perioden von 19 Jahren + 19 synodischen Mondjahren + 19 siderischen Mondjahren entspricht.

Der Bezug zum jüngeren FUThARK (Gørlev-Typus) wird durch die Rekonstruktion des Runen-Alphabets gleich mitgeliefert, obwohl dort die richtige Rangordnung von a das größte Problem darstellte. Es erwies sich jedoch u. a. mit Hilfe der beiden Jelling-Steine entgegen der herrschenden Meinung die Herleitung von altem è.

Ein Brief kann die hier aufgeworfenen Fragen und Zusammenhänge nur antippen. Sollte er Widerspruch oder Neugier wecken, hat er seine Absicht erreicht.

Über einen Gedankenaustausch würde ich mich freuen.

Mit freundlichen Grüßen

 

Hermann Wenzel

 

 

 

 


HERMANN WENZEL