Eike-Wolfgang Kornhass

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Halb gelebt

 

Es war ein gutes Land, in dem die Menschen lebten, begünstigt durch gemäßigtes Klima, gesegnet mit Reichtum an Wasser und fruchtbarer Erde. Die Äcker waren bestellt, niemand litt Hunger. Industrie und Handel hatten die Bevölkerung wohlhabend gemacht und eine wohlorganisierte Verwaltung garantierte geordnete Lebensabläufe. Es herrschte innerer Friede, keiner mußte sich Sorgen um die Zukunft machen. Und dennoch wohnte seit kurzem Unsicherheit, Unzufriedenheit, ja Angst in den Seelen. Niemand vermochte zu sagen, woher sie kam. Sie lag als Kondensat einer unbekannten Flüssigkeit auf den Synapsen und lähmte das Denken.

Es war die Angst, realitätsverlassenen Vorstellungen von der Welt abzuschwören und sie statt dessen zu erkennen und anzunehmen.

Es war die Angst, sich auf die grenzenlos vielfältigen Unwägbarkeiten dessen einzulassen, was man Leben nennt.

Es war die Angst, Entscheidungen zu treffen, denn die hätten womöglich falsch sein können.

Es war die Angst, Vertrauen zu haben in sich und andere.

Es war die Angst, zu glauben.

Es war die Angst, durch das Wagnis von Zukünftigem gegenwärtige Besitzstände zu gefährden, wo doch Erhaltung nur per Veränderung möglich ist.

Es war die Angst, sich auf Familiengründung einzulassen, und gerade diese Verweigerung würde nachhaltige Folgen zeitigen.

Aus Angst also verzichteten die Menschen auf die Tat, delegierten Verantwortung an andere oder den Staat, strebten nach Verringerung jeglichen Risikos und kultivierten ersatzweise allumfassende Bedenklichkeiten in ergebnislosen, oft genug hysterisch geführten privaten und öffentlichen Befindlichkeitspalavern. Solche Blockade des Handelns bedeutet zugleich die Weigerung, sich zu stellen und das heißt: erwachsen zu werden. Ein ganzes Volk schien sich im Kokon einer penetranten Infantilität eingesponnen zu haben. Es hatte den von vorangegangenen Generationen entwickelten Fleiß eingebracht in ein paradoxes Riesenunternehmen zur Herstellung von Lebensfeindlichkeit. Erstarrung war eingetreten.

Die Frauen des Landes bewiesen ihre Lebensfeindlichkeit dadurch, daß sie keine Kinder mehr in die Welt setzen mochten. Ihnen schien es wichtiger, ihren kultgefeierten Körper in mädchenhaftem Zustand zu konservieren. Dafür hungerten sie sich mit Hilfe von Zigaretten oft bis zur Magersucht ab. Selbst den natürlichen Übergang zur Bruststimme wußten sie durch künstliche Beibehaltung eines vorpubertären Diskants zu verzögern. Warum also sollten sie Leibesfrüchte produzieren, wo sie doch in ihrem äußeren Erscheinungsbild selbst infantil geblieben waren und zu bleiben wünschten? Oder war es Angst vor Abhängigkeit vom Versorger, postnataler sozialer Isolation, finanzieller Beschränktheit, jahrelanger Festlegung auf Brutbetreuung und schon deshalb bedingter beruflicher Effizienz? und privater Lustminderung, welche sie von der Weitergabe des Lebens abhielt? Oder bewegte sie die landauf, landab propagierte Forderung nach Befreiung von allem, was ein Frauenleben bislang beeinträchtigt, ja unterdrückt zu haben schien?

„Befreiung!“ lautete die unablässig skandierte Losung des Jahrhunderts. „Befreiung!“ schrie man gegen die unverrückbaren Massive der Ananke und „Unabhängigkeit“, „Verwirklichung“, „Erlösung“ äffte ein trügerisches Echo zurück, dessen Verheißungen kurzsichtig als Sieg über sämtliche Beschränktheiten weiblichen Seins gefeiert ward. Aber das Triumphgeheul begleitete trotz aller Euphorie der Protagonistinnen bestenfalls einen Etappenerfolg. Denn keine noch so lautstark proklamierte Deklaration eines: „Es ist erreicht!“ konnte darüber hinwegtäuschen, daß die gesamte Lebensspanne zu durchmessen war und erst am Ende nach Gewinn und Verlust gefragt werden würde. Und am Schluß bliebe den Frauen vielleicht zu erkennen, wie sie Bilder mit deren Schatten verwechselt hatten, die legitime schöpferische Revolte als Prämisse für Selbstwahrnehmung mit der Revolte gegen die Schöpfung überhaupt. In einem Akt radikaler Individualisierung hatten sie weibliche Bestimmung auf schrankenlose Selbstbestimmung reduziert, indem sie die Weitergabe von Leben verweigerten. Berechtigtes Aufbegehren gegen tradierte Mutterschaftsideologien war umgeschlagen in die ihrerseits ideologische Forderung nach Befreiung um ihrer selbst willen als Ausdruck herbeigesehnter Selbsterlösung. Diese Anmaßung gegenüber der conditio humana aber hatte sich bitter gerächt: die Frauen waren in Befreiungsschlachten gezogen und hatten sich dabei verloren. Sie hatten im GEGEN gelebt und das FÜR vergessen. Sie hatten das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

Die Frauen des Landes hatten nur halb gelebt.

 

Auch die Männer waren Opfer ihrer Trugbilder geworden. Bequemlichkeit und Angst vor ungewisser Zukunft hatten sie in zögerliches Dümpeln verfallen lassen und ihnen in solchermaßen komplementärer Haltung die Kraft geraubt, ebenso indifferente Frauen zum Wagnis einer Familienbildung zu animieren. Die gegenseitige Blockade führte zu deprimierendem Stillstand zwischen den Geschlechtern und minimierte die Beziehungen auf die bloße Ausübung sanitärer, fetischisierter oder nur noch virtueller Sexualität. Auch die Männer hatten mit ihrer selbstgewählten Beschränkung auf nur eine Lebensdimension die Chance vergeben, erwachsen zu werden im Mut zur Verantwortung, väterliche Autorität zu erlangen und ein Mehr an Souveränität. So steckten sie unversehens in der hedonistischen Falle, weil sie sich nicht bereit gefunden hatten, das bloße Nehmen durch großherziges Geben zu ergänzen und auf diese Weise das gesamte Lebensspektrum zu erfahren. Und indem sie ihren Weg nur zur Hälfte gegangen waren, erwies sich die zurückgelegte Strecke als immer dieselbe in einem fortwährend spulenden Laufrad, die erschöpfte Psyche ins Wachkoma eines unendlichen Ennui fallen lassend. So waren sie am Ende eines Lebens ohne Vaterschaft oft irritiert zurückgeblieben und zu ihrer späten Verwunderung manchmal auch noch lächerlich geworden in den Augen vieler Frauen, denen sie es nicht zuletzt hatten recht machen wollen.

Auch die Männer des Landes hatten nur halb gelebt.

 

Die Weigerung der Geschlechter, sich zu familiärem Konsens durchzuringen, hatte zur Auflösung der Gesellschaft in Einzelinteressen geführt und nie gekannte Formen der Vereinsamung aufbrechen lassen. Die gebar ganze Industrien zur Übertönung der Stummheit in Form einer unaufhörlich sich selbst mahlenden Partymühle. Die wenigen noch vorhandenen Kinder, zufällig, versehentlich, widerwillig, ohne rechte Hinwendung gezeugt oder in selteneren Fällen den Männern listig abgeluchst, waren Opfer dieser Entwicklung. Sie hatten Geborgenheit, mütterliche Fürsorglichkeit oder väterliche Autorität entweder gar nicht, unzureichend oder in grotesk übertriebener Weise erfahren, sofern sie den manchmal zweifelhaften Vorzug genossen, als überhätscheltes, meist einzelnes Luxuswesen aufzuwachsen. Ohne familiär überlieferten Kanon an Wissen, Lebenstechniken, kultureller Tradition und die Anleitung zu notwendiger Selbstbeschränkung als Voraussetzung für funktionierende Gemeinschaft waren sie orientierungslos geworden, verwahrlosten an Geist und Gefühl und gerieten nicht selten auch ins soziale Abseits. Folgerichtig reproduzierten sie die Depraviertheiten ihrer Eltern oder litten unter dem Unerwünschtsein in kinderfeindlicher Umgebung. Ihre seelischen Deformationen machten sie ihrerseits unfähig zu sozialen Bindungen. Schlecht ausgebildete und unmotivierte Lehrer an heruntergekommenen Schulen vermochten Defizienzen von Elternhäusern und geistigem Umfeld kaum auszugleichen. Kulturelle Auszehrung infolge eines global verbreiteten medialen Verblödungsgetöses sowie massivster Sprachverfall verdammten sie zu hilflosem Gestammel. Ein sich rasend akzelerierender Wechsel von Moden, Bildern, Verhaltensmustern hatte Konstanten sinndefinierter Lebensgestaltung außer Kraft gesetzt und die Jungen verunsichert. Eine Flut medienerzeugter Bilder raubte den Kindern die Fähigkeit zur Unterscheidung von virtueller und überprüfbarer Realität und provozierte das Bedürfnis, sich im körperlichen Kick oder gar Schmerz zu erfahren oder in bislang unbekannter Brutalität anderen Gewalt zuzufügen. Als alleingelassene, verkümmerte Wesen gerieten sie zu leichten Opfern ökonomischer und politischer Manipulationsmechanismen. Ihre den Erwachsenen abgeschaute Maxime, mit möglichst geringem Einsatz ein Maximum an instantanem Vergnügen zu erlangen, kam den Interessen der Verführer entgegen. Das zum Selbstzweck degenerierte hedonistische Karussell drehte sich weiter.

Die Kinder des Landes würden nur geringe Chancen haben, ihr Leben ganzheitlich verwirklichen zu können.

Nach und nach hatte sich das Land entvölkert. Den bei weitem größten Teil der Einwohner stellten längst die Alten, deren faltige Haut sich über Felder, Wiesen, Wälder, Berge und Seen gelegt hatte und menschliches Leben langsam erstickte. Die Wohlhabenden unter ihnen hatten ihre Heimat verlassen oder sich in festungsähnlich gesicherte Reservate zurückgezogen, wo sie ohne Gewissensbisse in luxuriösem Ambiente von ihren durch keine familiären Verpflichtungen geschmälerten Vermögen zehrten, unfähig oder unwillens, sich für eine nicht zuletzt durch ihre Egozentrik verschuldete Entwicklung verantwortlich zu fühlen. Weniger begüterte Generationsgenossen fristeten häufig ein kärgliches Dasein am Rande der teuren Städte, denn die sozialen Vorsorgesysteme waren längst zusammengebrochen, weil jüngere Beitragszahler rar geworden waren oder sich zunehmend weigerten, für nutzlose Greise finanziell einzustehen.

Der Zerfall der Gesellschaft ging naturgemäß einher mit dem Verlust der meisten Gemeinsamkeiten. Dafür allerdings war eine bislang unbekannte entstanden: das Gefühl, oft sogar die Angst, verdrängt zu werden durch eine schnell steigende Zahl von Einwanderern aus verschiedenen Weltgegenden, die ihre ebenso divergenten religiösen und kulturellen Traditionen mitgebracht hatten. Sie waren vor nicht sehr langer Zeit als Arbeitskräfte ins Land geholt worden. Die Fremden wunderten sich darüber, daß die Bürger eines so großen und reichen Landes keinen eigenen Nachwuchs mehr haben wollten, dafür hingegen Millionen von Hunden und Katzen hielten, welche die Städte in Kloaken verwandelten und deren Ernährungskosten ausgereicht hätten, anderswo ganze Völker zu sättigen. Im Verständnis der Zuwanderer aber gab es keine Kinderfeindlichkeit; unreflektiert und lähmender Befindlichkeitsbetrachtungen entratend, den Gesetzen ihrer Religionen folgend, freuten sie sich über große Fruchtbarkeit und steigerten ihren Anteil an der Gesamtbevölkerung exponentiell. Da nicht alle Zuwanderer in die für sie neue Umgebung reibungslos eingegliedert werden konnten und manche eine Integration auch bewusst ablehnten, bildeten sich bald eigene soziale Einheiten, die rasch auch zu politischen mutierten. Das brachte wachsende Spannungen mit sich. Klagen über diese Entwicklung jedoch verhallten. Zu Recht:

Die Bewohner des Landes hatten ihre Zukunft nicht annehmen wollen und waren sich zu ihrem späten Erstaunen unversehens selbst abhanden gekommen.


Eike-Wolfgang Kornhass