Ulrich Schäfer-Newiger


 

Musik?

Ohne Musik ist das Leben ein Irrtum“, erkannte Nietzsche und alle Musikbegeisterten werden ihm zustimmen. Aber was ist Musik? Diese einfache Frage ist offenkundig schwer zu beantworten. Den Schluss jedenfalls legen die Einsendungen nahe, die uns für den TORSO-Musikwettbewerb erreichten. Der überwiegende Teil der eingesandten Texte hatte offenkundig mit Musik nichts zu tun. Oder haben die Herausgeber den Bezug bloß nicht bemerkt, weil sie sich vor Ausschreibung des Wettbewerbs die Frage selbst nicht gestellt und also erst recht auch nicht beantwortet hatten? So mussten sie sich zur Strafe nicht weniger schwierigen Fragen stellen wie: Ist schon dann ein Bezug zur Musik vorhanden, wenn in einem Gedicht ein Sprachrhythmus erkennbar ist? Oder Wörter wie „Musik“ oder „Schubert“ (mit Abstand am häufigsten) oder „Joe Cocker“, „Aida“ oder „Bob Marley“ vorkommen? Oder jemand den positiven Einfluss der Musik auf die Seele beschreibt?

Die Herausgeber haben entschieden, einen ersten Preis nicht zu vergeben. Zu unterschiedlich fielen die Antworten auf diese Fragen aus, zu verschieden (auch sprachlich und kompositorisch) waren selbst die Texte, welche Musik ausdrücklich zum Gegenstand nahmen. Der Pluralismus der Vorstellungen und ihre sprachlichen Gestaltungen erlaubte – so mussten die Herausgeber erkennen – keine Eindeutigkeit und keine eindeutige Würdigung.

Vergeben wurden zwei Zweite Preise. Die Wahl fiel auf zwei Texte, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein können: Der eine – „nach der industrie“ von Gerald Fiebig – setzt sich auseinander mit, beschreibt, bringt nahe, beobachtet, nimmt Teil an den Geräuschen, Rhythmen, Tönen, Stimmen, Dialogen, den Klängen des Zeitalters der verschwundenen und verschwindenden Industrien, der Industriebrachen, der Hitfabriken und Selbstmordspiele, der Menschenmaschinen, der Roboter und verrostenden Jukeboxen. Form und Sprache spiegeln diesem Zustand: Montage, Versatzstücke, Sprachscherben, übergangsloser Wechsel von einer Sprache in die andere, unterschiedlichste Wortschätze, Bilder, Symbole, Metaphern und Assoziationen prägen den Text. Der andere ausgewählte Text – „Absage“ von Martin Obrecht – ist da ganz eindeutig: Prosa in der althergebrachten, klassischen, vielleicht überholten Form eines Briefes. Geschrieben in einer z.T. gedrechselten, gewollten Sprache mit eitlem, selbstbewussten Ton, der durchaus dem Leser nicht auf Anhieb gefallen mag. Aber gekonnt ist damit ein einerseits überheblicher, vielleicht weltferner, andererseits auch selbstironischer Komponist charakterisiert. Seine Musik, die er mit diesen konservativen Mitteln verteidigt, ist aber auch die der Moderne: Dissonanzen, Geräusche, Polizeisirenen, Bronzeplatten, Peitschen sollen seine Komposition prägen. Was noch hinzukommt: Der Text setzt sich ausdrücklich auseinander mit dem Unterschied zwischen Musik und Reden bzw. Sprache. Man muss die einseitige Auffassung des Autors (bzw. seines den Brief schreibenden Komponisten) dazu gewiss nicht teilen. Aber im Zeitalter des ununterbrochenen Redens über die angeblich zur Wahrheit drängenden Sprache (niemand nimmt das Wort „Wahrheit“ so inflationär häufig in den Mund wie die Dichter und Schriftsteller) mag darin doch das interessante Moment dieses Beitrages liegen.
Die beiden aus den eingegangenen Beiträgen ergänzend zur Veröffentlichung ausgewählten Gedichte wiederholen – nach überzeugung der Herausgeber – noch einmal in kleiner Form diese Themen.

Die Auswahl ist subjektiv, Irrtümer sind wahrscheinlich. Im Zweifelsfall entscheidet aber nicht, wie der berühmte Albert Vigoleis Thelen es für seine Erinnerungen reklamierte, die Wahrheit, sondern die eigene Empfindung.