Überschrift

 

 

 

 

ULRICH SCHÄFER-NEWIGER

 


 

Rudolf Borchardt in Italien

 

Der nach Italien weisende Schwerpunkt dieser Ausgabe des TORSO und die seit dem Erscheinen des letzten Ausgabe publizierten, von Borchardt als Anabasis betitelten Aufzeichnungen seiner Entführung aus Italien durch die deutsche Wehrmacht im Herbst 1944 (Rudolf Borchardt, Anabasis, Aufzeichnungen, Dokumente, Erinnerungen 1943-1945, Herausgegeben von Cornelius Borchardt in Verbindung mit dem Rudolf Borchardt Archiv, Edition Tenschert im Carl Hanser Verlag, 2003) geben Anlass, noch einmal auf diesen Autor zurückzukommen. Auf sein besonderes Verhältnis zu Italien soll hier in aller Kürze hingewiesen werden. Vollständigkeit wollen diese kurzen Hinweise dem Leser nicht bieten, aber sein Interesse wecken. Nachdenken über das Verhältnis der Deutschen zu Italien schließt jedenfalls Borchardt wenn nicht notwendigerweise, so doch naheliegender Weise mit ein. Immerhin verbrachte er den größten Teil seines Lebens in Italien. Und ausdrücklich hat er sich vielfach zu Italien, oder besser: seinem Bild von Italien geäußert. Kein Zufall ist es, dass ein Sammelband mit Beiträgen zu einem Kolloquium über das Fortwirken deutscher Italomanie im 20. Jahrhundert (Deutsche Italomanie in Kunst, Wissenschaft und Politik, Herausgegeben von Wolfgang Lange und Norbert Schnitzler, München, Fink, 2000) gleich zwei Beiträge zu Rudolf Borchardt enthält:Karl Heinz Bohrer, Rudolf Borchardts Phantasma einer antikischen Vorgeschichte und Karin Westerwelle, Borchardts Dantebild.

Zwei Zitate mögen die Koordinaten der Italienbeziehung Borchardts veranschaulichen. Sein Essay über die italienische Villa beginnt mit dem Satz: „Das Italien unserer Ahnen ist, wie man weiß, seit die Eisenbahnen es für den Verkehr erschlossen haben, eines der unbekanntesten Länder Europas geworden.“ Das zweite, etwas längere Zitat stammt aus Anabasis: „Nie hatte ich eine Autorität über mich zugelassen, nie gehorcht, nie compromittiert. Ich war auf jedem Gebiete meines Thuns grundsätzlich Outsider geblieben, um durch keine Beamtung, keine Collegialität, keinen halbgeschäftlichen Sozialzwang mir die Linie des freien Mannes bedingen lassen zu müssen, ich lebte in Italien fast nur, weil diese selbstbestimmte Niemandem Rechenschaft schuldige, keine Behörde, Registrierung, Polizierung Bevormundung kennende Landabgeschlossenheit des geschützten Fremden der einzige in Europa erhalten gebliebene Rest der alten Freiheit des Individuums war.“ Zwei Topoi sind also auszumachen: Das Italien „unserer Ahnen“ und die „alte Freiheit“ des Individuums. Wer assoziiert heutzutage schon diese beiden Begriffe, wenn er an Italien denkt?

Borchardt geht es tatsächlich weniger um das zeitgenössische Italien, als um ein historisches Italien, welches aber unter dem Schutt der Geschichte nicht auszugraben, sondern gleichsam zu „erfinden oder: zu enträtseln“ (Bohrer) ist. So wie er sich eine neue mittelalterliche deutsche Sprache erfand, um Dantes „Comedia“ in das nach seiner Überzeugung rechte sprachliche Licht zu rücken, so müssen wir uns sein altes, mittelalterliches Italien vorstellen: aufgefunden als eine neue, mögliche, wünschenswerte, aber nicht wirklich sichere, überprüfbare Realität zur Wiederbelebung des Alten (Westerwelle). Und wieder ist die Sprache das Medium, in welchem und mit dessen Hilfe alleine sich dieser Prozess vollzieht. In der vorigen Ausgabe des TORSO war die erstaunliche Präzision vermerkt worden, mit welcher in den Essays die ‚italienischen‘ Themen ‚Villa‘, ‚Volterra‘ oder ‚Pisa‘ u.a. abgehandelt werden. Aber verständlicher wird das Beschriebene durch die Präzision nicht. Über die Villa heißt es beispielsweise an einer Stelle: „Zwar ist die Anlage der Räume ohnehin auf eine archaisch ungeheure, uns schwer begreifliche Dienerschaft abgesehen  ...“ Was soll sich der Leser unter einer „archaisch ungeheuren“ Dienerschaft vorstellen? Die Antwort: Am besten soll er eine solche Vorstellung gar nicht versuchen, denn der Autor bedeutet ihm ohnehin, wie schwer ihm eine solche Dienerschaft begreiflich sei. Borchardts Sprachstil ist kein wissenschaftlicher, sondern poetisch-imaginativ, gespeist aus ungeheuer vielfältigen, dem normalen Leser kaum zugänglichen Wissensbeständen. Diese Prosa, so Bohrers spitze Beurteilung, fällt deswegen unter die Gattung von nicht Eindeutigkeit produzierenden Sätzen. Ein typisches weiteres Beispiel Borchardtscher Sichtweise italienischer Kulturlandschaft ist folgende Stelle aus „Volterra“: „Dann steht er im lenzgrünen Gestrüpp des Busches vor Zyklopenmauern … Nur durch ihre mörderische Wucht und aus lauter Schiefen in die Richte lotende Lagerung hält sich die felsige Harmonie instand, seit Jahrtausenden, für Jahrtausende, durch Erdbeben und Berennungen hindurch, der Elemente spottend, die der Erdgeist, und der Elemente, die der Menschengeist gegen sie entfesselt hat.“ Was Borchardt sieht, ist die menschenlose, scheinbare Zeitlosigkeit, ist der Atavismus des Gemäuers. Seine ausgiebigen Darstellungen der mittelalterlich-italienischen Stadt‑, Landschafts- und Bildformen (insbesondere in dem ausufernden, ohne Einzelkenntnisse altitalienischer Kunstgeschichte kaum nachvollziehbaren Essay über Pisa) hat mit dem realen, gegenwärtigen, Borchardt umgebenden Italien nichts zu tun. Sein Italien ist, wie die von ihm erfundene mittelalterliche deutsche Sprache, die er sich für seine Dante-Übertragung erdenkt, Phantasmagorie. Aber diese Phantasmagorie ist der Kern der „alten Freiheit des Individuums“ die er meinte.

Auch ohne Kenntnis dieser Texte vermittelt nun Anabasis dem Leser die ganze Tragik der Zerstörung dieser Freiheit. Die Aufzeichnungen Borchardts, seiner Tochter Corona, seines Sohnes Cornelius und auch Photos des kriegszerstörten Florenz veranschaulichen, wie Borchardts Italien erfolgreich berannt wird: Von der deutschen Wehrmacht, die sich auf dem Rückzug vor den Alliierten befindet und rücksichtslos verbrannte Erde hinterlässt, die vor allem keine Rücksicht auf Rudolf Borchardt und sein Italien nimmt. Er erkennt dies schlagartig. Seine Aufzeichnungen beginnen mit dem Satz: „Um Weihnachten 1942 zerriss mit einem ersten Stosse der Wirklichkeit der Schleier, hinter dem wir unsere alte Welt immer noch behütet glaubten.“ Borchardts Leben in Italien war bis dahin rein äußerlich – um es auf einen kurzen Nenner zu bringen – eine Abfolge von Villenbewohnungen gewesen. Die schönste und größte, die er mit seiner Familie dreizehn Jahre bewohnen kann, die gemietete Villa Bernardini in Saltocchio bei Lucca muss er Anfang 1943 räumen, weil ihm der Vermieter kündigt. Damit beginnt die Wirklichkeit und endet die Freiheit.

Borchardt beschreibt eindrucksvoll die folgenden Monate und seine ungewollte Begegnung mit Wehrmachtsoffizieren, die sich just in der von ihm zeitweilig mitbewohnten Villa einer befreundeten Familie einquartieren. Bitter vermerkt er, dass er die ihn nun direkt berührenden deutschen Offiziere „nur mit innerem Grauen sich meiner Sprache bedienen hören konnte“. Verzweifelt versucht er sich einzureden, dass diese Soldaten nichts Deutsches an sich hatten: „… jener platte Hass gegen Italien und alles Italienische, jenes arrogante und überhebliche Aburteilen der ungebildeten Verständnislosigkeit, der man auch sonst wo<h>l gelegentlich bei Offizier und Mann begegnet, die aber hier ihr Gift aus Wut des vor der Niederlage stehenden Hitleroffiziers zog und nichts Deutsches, auch nichts Deutsch Unverständiges mehr hatte.“ Verletzt und verraten sah er durch diese Deutschen seine zeitlebens beschworene Angehörigkeit zur Deutschen Nation. Wir lesen, wie er seine Frau und seine Söhne auf einen Lastwagen der Wehrmacht verfrachtet, „heim ins Reich“ gebracht werden, unter ständiger Bewachung eines maschinenpistolenbewehrten Unteroffiziers, der der Familie in Innsbruck noch Lebensmittelkarten besorgt, dann verschwindet und sich selbst überlässt. Absurder, unverständlicher, unsinniger, tragischer hätte Borchardts Italienaufenthalt, seine Freiheit also, nicht enden können. Er sollte Italien nicht mehr wiedersehen. Im Januar 1945 starb er in einem flüchtlingsvollen Berghotel in der Nähe von Innsbruck.

Anabasis ruft so neben dem tragisch-merkwürdigen Ende Borchardts einen Teil des deutsch-italienischen Verhältnisses in Erinnerung, den wir Gegenwärtigen nicht mehr kennen, den wir uns nicht vorzustellen vermögen, wenn wir fotografierend durch Florenz, Lucca, Pisa und die übrige Toscana reisen. Entlarvt die Borchardtsche Anabasis auf diese Weise nicht auch unser Bild von Italien als Phantasmagorie – aber ohne dass wir uns auf eine „alte Freiheit des Individuums“ berufen können?


 

ULRICH SCHÄFER-NEWIGER