Carina Nekolny


 

Dunkelmänner

 

Manchmal, wenn ich einen Augenblick nicht aufpasse, fängt es im Schatten hinter mir zu leben an. Ich brauche mich nicht umzudrehen, um es zu wissen. Hinter meinem Rücken verdichtet sich das Dunkel an gewissen Stellen, als wollten schwarze Löcher entstehen.

Es ist wie das Knistern der Luft unter einem Hochspannungsmast, dieses unheilschwangere Zittern, das in Wolken aus- und einströmt, alles umhüllt, alles durchdringt, ungefragt.

Die Härchen im Ohr nehmen es auf, leiten es weiter, immer weiter hinein, hinein, tief hinein in den Körper. Über Schnecke, Amboss, Steigbügel, in die Nervenbahnen. Das Dunkel flackert im Hirn, legt sich zäh über die Furcht. Eine ganz wache Furcht, die ich nur allzu gut kenne, eine Furcht, die wiederum hinterrücks das Leben im Dunkel spinnt.

Der Atem stockt, geht, stockt, der Puls beginnt zu hüpfen. Ich befehle den Augen: Starrt geradeaus, immer geradeaus, dreht euch nicht um! Hals, bleib an deinem Platz, Wirbel, regt euch nicht. Herz, du Hasenherz, sei still.

Es schlägt eigensinnig und donnernd, das Herz. Es schlägt wie die Pummerin, es lockt die Schatten. Es nährt die Schatten so wie die Furcht, die durch die Ohren gekrochen ist.

Im Schutz der Wand formieren sich die Schatten wesen. Ächzend verhelfen sie sich zu Gestalt und Bosheit.

Das Flimmern der Luft wird stärker mit jeder ihrer Regungen. Da pulsieren aus dem wattigen Schmerz Arme, Beine, Nasen, Finger, ein Tanz der Glieder. Sie saugen die Angst an, die Arme und Beine, die Angst, die das Denken erfüllt, sie nehmen die Kraft, die das donnernde Herz hält, schlürfen genüsslich Schlag um Schlag.

Sie wetzen die Messer, die luftigen, mit denen sie die Haut durchbrechen werden, ich weiß es. Zuerst werden sie nur zischend die Luft durchschneiden damit, zum Aufwärmen. Bis die Nacken­haare ganz starr sind vom Wegstehen. Lautloses Gelächter wird das Dunkel zwischen der Wand und dem Rücken erfüllen, während die Klingen fleißig sirren. Dann ritzen sie die Haut, sardonisch schnitzen sie ein Grinsen ins Fleisch. Sie haben Zeit. Viel Zeit. Gespeist vom Herzschlag haben sie alle Zeit der Welt. Genießer sind sie. Ein kleiner Ritz, hingehaucht wie ein Kuss, ein blitzender Schmerz, ein Wimpernschlag. Sie machen mich bluten und kichern. Herzblut, Angstblut kichern sie.

Wie lange kann ein Mensch ohne Atem sein? Atme, Lunge, atme! Peitschenschläge sind ihre Klingen, an Wehren nicht zu denken. Der Körper starr, die Haut bricht hinten, nur vorne bleibt sie heil. Schöne Frau Welt, vorne heil und lieblich von Angesicht, hinten zerfetzt und zerfressen. Von anderer Menschen Laster, von anderer Schatten Wut.

Über den Kopf sind sie gewachsen, riesenhaft strecken und dehnen sie ihre wabernden Körper über die Wand. Da ist der Würger mit den kalten Rauchhänden, der schon das Kind bestohlen hat. Der es sich hinlegen hieß und dann die Schattendecke über es warf. Er atmet im Nacken, heiß, nein kalt, er nimmt Luft und Leben von hinten, er kann nicht anders. Es ist seine Natur. Sirenengleich konnte er singen, ehe er die Finger ausfuhr. Nicht um zu streicheln, um zuzudrücken hat er sie, die Hände. Er atmet eisiges Feuer, bricht das Genick.

 

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Er hat sein Werk noch gar nicht beendet, da legt schon der Fallensteller seine Schlingen aus, diese Eisengebisse, die Hände und Füße abbeißen, wenn sie zuschnappen mit einem kurzen lakonischen Klapp. Nicht töten will er dich mit seinen Schlingen und Eisen, den Garotten und spanischen Stiefeln, die er so geschäftig drapiert. Er will dich nur verstümmeln, du Hasenherz, will dich zusammenbrechen, will dich kriechen sehen. Dafür liebt er dich dann, ja freilich liebt er dich. Es ist seine Natur. Er liebt, was kriecht, und wächst und wächst, bald wird er den Plafond erreichen, der Fallensteller. Schnell ist er und genau und unerbittlich. Er weiß, dass du zäh bist, viel ertragen kannst. Er geht bis an die Grenze, deine Grenze.

Der Füsilier rüstet schon die Waffen, sie glänzen schwarz, so sehr hat er sie geputzt. Er poliert gerne. Kimme und Korn, exakter könnten sie nicht aufeinander eingespielt sein. In des Füsiliers zarten Händen, die in gleichmäßigem Grau ohne Falte und Nagel über den Lauf streichen, wird jede Kugel zur letzten. Und zur ersten zugleich. Er ist stark, er beherrscht sein Handwerk. Er kann dich erschießen, ohne dass du stirbst. Du glaubst es nur, zuerst ist die Todesangst, dieser Abgrund, der dich schon ins Sterben zwingt aus schierer Verzweiflung. Du krümmst den Rücken, der Rücken krümmt dich, fällst auf die Knie, betend die Arme erhoben. Noch bist du nicht tot. Du flehst und bettelst, deine Stimme ist fremd und jämmerlich. Du hast das Fallen des Körpers unter der wohl gesetzten Kugel schon vorweggenommen. Das macht den Füsilier fröhlich, das mag er. Die Bereitschaft zur Mitarbeit, das brave Opfer. So hat er es gerne. Und lächelnd streicht er mit seinen grauen Händen über den Lauf des Gewehrs, als wollte er dich streicheln. Bis die Schattenkugel endlich die Brust durchschlägt, bist du schon lange tot.

Alle tanzen sie hinter dir ihren elektrischen Totentanz, sie springen und jauchzen. Ihre Laune ist gut, besser könnte sie gar nicht sein. Am schlimmsten treibt es aber der Stumme, er bleibt so klein, er wächst nicht in deiner Angst, sie nährt ihn nicht. Er pulsiert nicht, er sitzt nur im Eck, dort wo es am finstersten ist, sammelt sich aus dem Staub und den Erinnerungen, verdichtet sich, bis er hart ist wie Stein. Er atmet nicht und rührt sich nicht. Er tötet mit sehendem Schweigen. Zuerst erscheint er dir als rettender Engel. Du rufst, du flehst, du schreist dir Herz und Seele aus dem Leib. Rette mich, rette mich!

Unverwandt schaut er dich an aus tiefen Augen, in denen du so gerne versinken würdest und heil und gerettet sein. Ja, es sind Augen, hinter denen du dich verstecken könntest, hinter denen du sicher wärst. Doch sie stecken in undurchdringlichen Häuten. Darum blinzelt er auch nicht, der Stumme. Zwar könnte er dich leicht retten, nur durch ein Wort, nur durch eine Bewegung. Aber er schweigt. Schweigt und schaut dir beim Sterben zu. Wird nicht größer durch deine Angst, denn er lebt vom Staub der Erinnerung. Nicht deiner, seiner. Er will dich schweigend zu seiner Erinnerung machen, will fortleben in dir. Dazu musst du sterben.

Die Lunge birst, ein alles überschwemmender Atemzug hat sie und die Schatten zerrissen. Sie fallen zusammen hinter dir, nehmen das Dunkel mit, lösen sich auf, veratmen.

Zurück bleibt ein Loch im Herzen und der Staub fremder Erinnerung.