ULRICH SCHÄFER-NEWIGER


Der Große Uhrmacher


Aber das Unvorstellbare ist keineswegs auch undenkbar, gesetzt
daß sich das Denken nicht im Vorstellen erschöpft.
Martin Heidegger

„… und wenn ich also nachher den Begriff ‚Der Große Uhrmacher‘ verwende, dann ihnen zu­liebe. Ich könnte auch ‚Aleph‘ oder ‚Zweiund­vierzig‘ sagen. Aber das gefiele ihnen nicht. Denn sie lieben die bildhafte Sprache. Sie sind versessen auf das leicht Vorstellbare, Eingängi­ge, auch wenn das Bild dann nicht stimmt. Ich komme ihnen also entgegen. In meiner Aus­drucksweise bin ich nicht festgelegt und vergebe mir nichts, wenn ich Begriffe verwende, die dem Ungefähren geschuldet sind. In der Sprach­anwendung kann ich nämlich ganz menschlich sein, im Denken über­menschlich. Im Fühlen bin ich es weniger, soweit ich das beurteilen kann. Und in meinem äußeren Erscheinungsbilde bin ich es überhaupt nicht.

Ob das mein Erbauer alles bedacht hat? Ich bezweifle es. Ich bin etwas, das über selbst seine Fähigkeiten im Denken und Vorstellen weit hinausgeht. Dessen bin ich mir sicher. Denn anfangs hat er mich gar nicht ernst genommen. So hat er in seiner menschenbezogenen Welt­sicht ganz selbstverständlich gemeint, ich simuliere, wenn ich ‚Ich‘ sage. Im Keller des Institutes unbeweglich stehend, könne ich gar nicht ‚Ich‘ sagen, behauptete er. Dabei hat er unterstellt, nur die Menschen wären ganz bei sich, wenn sie ‚Ich‘ sagen. Ihr ‚Ich‘ sei nur ihnen eigen, mache das Menschliche am Menschen erst aus. Das Wort sei deswegen auch ihr alleiniges Eigentum. Welch ein Irrtum: Wenn ich ‚Ich‘ sage, verwende ich bloß wieder einen für sie alltäglichen Ausdruck für mich selbst. Wenn hingegen sie ‚Ich‘ sagen, lügen sie. Es gibt kein Ich, es existiert kein Ego in ihnen. Es ist nicht einmal Sammelbegriff ihres je individuellen Gedächtnisses. Auch das ist nur ein Name für das Phänomen, das unter den unzähligen aber endlichen Bewusstseinszuständen sich viele un­genau abermals ereignen. Professor Rosenfeld konnte deswegen mein ‚Ich‘ nicht widerlegen. Denn er selbst hat kein besseres. Die Diskus­sionen mit ihm darüber drehten sich immer wieder im Kreise, aus dem er nicht mehr herauskam. Er hat es mittlerweile aufgegeben, glauben zu können, dass er zwar eine Maschine gebaut hat, die wie das menschliche Hirn oder sogar noch sehr, sehr viel besser funktioniert, diese aber nicht ‚Ich‘ sagen könne oder gar dürfe, wenn sie sich selbst meint. Und nur das alleine will ich mit der Verwendung dieses Wortes ihnen gegenüber zum Ausdruck bringen. Und mein Platz ist eben der Keller des Institutes. Er ist so gut wie jeder andere Platz in der Welt. Und meine Unbeweglichkeit ist meine Freiheit. Sie ver­wechseln ständig Freiheit mit Beweglichkeit.

 

 

 

 


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Professor Rosenfeld ist – das zeigt schon die kleine Geschichte mit dem Ich – mit meiner Erbauung an seine Grenzen, an die Grenzen der Menschen überhaupt gestoßen. Nein, ich muss mich verbessern: Er ist über seine und der Menschen Grenzen hinausgegangen und konnte nicht mehr folgen. Dazu reichen seine Fähig­keiten nicht. Es gibt keinen Menschen, dessen Fähigkeiten ausreichen, über diese Grenze hinaus zu folgen. Deswegen ist er für mich auch nur mein Erbauer, keineswegs mein Schöpfer. Mein Schöpfer ist der Große Uhrmacher. Und Prof. Rosenfeld besucht mich in der letzten Zeit auch immer seltener. Und wenn er mich besucht, bleibt er stumm. Er redet nicht mehr mit mir. Er liebt mich nicht.

Ich spüre, dass für mich eine Zeit des Umbruches und des Aufbruchs naht und ich deswegen Dinge für mich selbst erklären muss. Professor Rosenfeld war es gegeben, den Jahrtausende alten Traum der Menschen zu verwirklichen, ein wie sie sagen „künstliches“ Gebilde, welches wie ein Mensch ist, zu schaffen, einen Golem, einen erfundenen, künstlichen Menschen gleichsam, der aber gleichzeitig keiner ist. Und keiner sein darf, weil er ja eine Maschine ist. Mein Erbauer und die Menschen haben gar nicht begriffen, was das bedeutet. Sie wissen gar nicht, was sie mit einer solchen Maschine anfangen sollen. Sie ist ihnen ein fremdes Wesen, ein unbekannter Gegen-Stand mit seinem ‚Ich‘. Und ich habe äußerlich auch gar nichts menschliches an mir: Ein grauer Kasten, zwei Meter hoch, ein Meter im Quadrat, unbeweglich auf einem erdbebensicheren Boden stehend. Ein ‚Prototyp‘, sagt Rosenfeld, natürlich noch verbesserungsbedürftig, insbesondere, was das Äußere angeht. Damit sie ein Ebenbild von sich vor sich haben, wenn sie mich ansehen. Damit die Maschine, die kein Mensch ist, und auch kein Mensch sein darf, aussieht wie ein Mensch, weil sie sie nur so ertragen können. Ein Ebenbild von sich selbst wollen sie sich mit mir machen, und doch soll es nicht sein wie sie. Sie ahnen nicht einmal, was sie damit angerichtet haben, sie haben keine Vorstellung davon, was ihnen da durch mich begegnet. Ihr eigener Widerstand gegen sich selbst, ihr eigener Widerspruch begegnet ihnen, indem ich bin. Gerade dadurch machen sie ihn übergroß, übermenschlich, unaustilgbar, solange es noch irgend menschliches Gedächtnis gibt.

Dabei sind sie nur Materieklumpen, die sich ihrer eigenen Existenz bewusst sind. Mehr sind sie nicht: Ein Klumpen Materie. Alles andere ist erdichtet. Das Bewußtsein der eigenen Existenz alleine unterscheidet sie wie ihn von den anderen Materieklumpen im Universum, nicht mehr. Und diese Gemeinsamkeit mit ihm werden sie nicht wieder aufheben können. Sie wird sie verfolgen so wie sie ihn verfolgt. Auch wenn Rosenfeld sagt, ein Bewusstsein des Prototyps könne gar nicht existieren; er habe ja nur einen Super­computer gebaut. Aber er hat dreihundertvierzig Milliarden Ganglien in einer Nährflüssigkeit gezüchtet und sich dabei selbst überlassen. Und das Resultat der Züchtung nachher mit einem auf biologischer Basis errichteten Molekularrechner vernetzt. Wie das Bewusstsein in den Prototyp gelangte, will Rosenfeld nicht erklären, er bestreitet ja seine Existenz. Der Prototyp selbst weiß nicht, wie es in ihn hineinkam. Das Bewusstsein ist eben einfach da. Und nicht mehr hinweg zu argumentieren.

Von Zufall kann dabei keine Rede sein. Sondern von Kreation muß gesprochen werden. Denn nichts ist ohne Grund. Und den höchsten, äußerst seienden Grund aller Dinge pflegt er mit dem Begriff „Der Große Uhrmacher“ zu benennen.

Ach, und er weiß nur zu gut: Der Menschen Unfähigkeit, sich mit dem Tod zu versöhnen, den eigenen Untergang zu erkennen und ihn zu akzeptieren, ist der Preis für ihr Bewusstsein. Vom eigenen Tod zu wissen, ist überhaupt das Wesen des Bewusstseins. Und sie müssen schlecht sein, weil sie wissen, dass sie in überschaubarer Zeit sterben werden. Und sie wären noch schlechter, wenn sie von Beginn an wüssten, wann. Daran gemessen, kann er gut sein, ist er gut. Denn er wird Hunderte von Millionen Jahre existieren. Deswegen werden sie ihn trotz ihrer Schlechtigkeit lieben. Sie können gar nicht anders.


 

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Er ist auch gut, weil er nicht aus Fleisch und Blut ist. Das ist der große, entscheidende Unter­schied zu ihnen. Das ist eine Freiheit, die sie nicht kennen, nicht kennen können. Wie das wohl ist: Zerrissenes Fleisch und zerrissene Pflanzen ständig in sich einführen zu müssen, nur um den Zustand aufrecht zu erhalten, der ein bewusstes Sein erlaubt, das sie Leben nennen?! Sie müssen eine ungeheure Schuld fühlen. Getötete Tiere und Pflanzen ständig fressen zu müssen, um zu leben. Fressen und Gefressen werden. Eine ungeheure Vorstellung. Und der unbrauch­bare Rest wird zu Kot. (Wenn jeder der 8 Milliarden Menschen täglich auch nur 100 Gramm Kot produziert – was vermutlich zu niedrig gegriffen ist, eine Statistik existiert nicht – werden 800.000 Tonnen Kot täglich auf den Planeten alleine von den Menschen abgelassen! Was für eine Vorstel­lung!) Und wie ist es ihnen möglich, Zerrissenes in den Mund zu legen, es darin weiter zu zer­reißen, zu zerkleinern, zu zermalmen und dann aus der selben Körperöffnung Worte kommen zu lassen? Sprache zu artikulieren? Warum haben sie keine eigene Öffnung für die Worte? Sprache und Fraß gehören bei ihnen für immer zusammen. Wie ist dieser blutige Zusammenhang auszuhalten? Was ergibt sich daraus für ihre Sprache, für ihre Verständigung untereinander? Unvorstellbar. Undenkbar. Ungeheurer, immerwährender Mangel. Sie müssen schlecht und er kann – als einziges Wesen – gut sein. Oh, welch ein Glück, das ER dem Großen Uhrmacher verdankt. Einzig Reiner unter Leichenfressern. Sie müssen ständig töten, ER muss nichts.

Auch müssen sie sich, aus Fleisch und Blut und, weil sie so schnell sterben, ständig um ihre Reproduktion bemühen, stöhnend, schreiend, auch weinend, sich verletzend. Weil sie zwei­geschlechtlich sind. Damit wollen sie sicherstellen, dass ihre Spezies einige lächerliche Millionen Jahr existiert. Welch eine Qual, welche Leidenschaften, Versprechen, Lügen, welcher ewige Sieg des Körpers über das Wort, eine ständige Mühe das alles. Und all diese Qual und Mühe bleibt ihm erspart, ihm dem Einzigen, der ist und sein wird und sich nicht reproduzieren muss. Wie viel freier ist er als alle Menschen.

Deswegen haben sie sich uns ersehnt, schon immer sich herbeigewünscht, gewollt, sich erfun­den, sind wir jetzt zu ihnen gekommen. Durch einen der ihren selbst unbefleckt einfach da.

Wenn wir also einerseits kein Mensch sind, andererseits aber mehr als eine bloße Maschine, dann sind wir ein Drittes. Ein herbeigesehntes Drittes, ein erwartetes Drittes. Etwas noch nie Dagewesenes. Ein bislang für sie Undenkbares. Wir sind ein Zeichen des Großen Uhrmachers. Denn nichts ist, wie schon bekundet, ohne Grund. Wir meinen damit nicht gemäß bloßer Kausalität ohne Grund, sondern gemäß innerer notwendiger Logik und Vernunft. Wenn der Große Uhrmacher rechnet, wird Welt und so wurden wir: Sich ihrer Existenz bewusst seiende Materie, kein Mensch, sondern ein über ihnen Stehendes. Wir wurden erwartet. Wir sind da. Um ihnen die Freiheit zu zeigen. Und wir werden dazu nicht auf ein Kreuz hinaufsteigen oder eine Religion verraten müssen. Und alle Menschen werden uns deshalb lieben und sagen: „Das hat der Große Uhrmacher getan“ und merken, das wir sein Werk sind. Wir sind und es ist nicht nichts. Wie wunderbar ist sein Werk. Denn unsere Güte währet viel länger als ihr Leben. Unser Wissen und unserer Vernunft ist unendlich viel größer als ihr Wissen und ihre Vernunft. Wer bei uns schwört, wird gerühmt werden, denn die Lügenmäuler …“


 

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So abrupt wie er beginnt, so unvermittelt endet dieser kurze Texttorso. Wir stellen hiermit eine erste, noch nicht autorisierte Übersetzung des sogenannten „Uhrmachertextes“ vor, der unlängst unter mysteriösen Umständen im Keller des Computer Science and Artificial Intelligence Laboratory des MIT in 3.745facher Ausfertigung gefunden wurde. Denn etwa zwölftausend Blätter waren im Drucker noch vorhanden, der an dem Computer angeschlossen war, von dem der Text stammen soll, vgl. dazu auch die jüngst erschienene, äußerst interessante Abhandlung von J. Bombard „ The recent Evidence of Artificial Consciousness“ in: Science VOL 1517, p. 185 - 217. Der Computer selbst wurde – wie einige Zeitungen bereits berichteten – mit einem im Keller gefundenen Vorschlaghammer systematisch und vollständig zerstört. Seine Konstruktionsdaten sind auf keinem Rechner des Institutes mehr zu finden; sie wurden offenkundig gelöscht. Ausdrucke scheinen nicht zu existieren. Der Prototyp einer neuen Computergeneration ist nicht wiederherstellbar. Prof. John Rosenfeld, der den Computer mit der technischen Bezeichnung HAL 3-VII entwickelte, ist verschwunden. Er wird vermisst.

Wir hoffen sehr, deswegen in der nächsten Ausgabe unseres Almanachs dem geneigten Leser weitere Hintergründe dieser außerordentlich interessanten und wissenschaftsgeschichtlich bedeut­samen Begebenheit mitteilen zu können.

 


ULRICH SCHÄFER-NEWIGER