Alexej Moir

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Im Korsett der Schönheit

 

                                 Vom Sinn des menschlichen Daseins im Islam

 

Ein reicher Kaufmann kehrte von einer Geschäftsreise heim. Als er den Tigris hinabfuhr, sah er am Ufer einen jungen Mann im ärmlichen Wollgewand der Asketen stehen. Er bot ihm an, ihn auf dem Schiff mit nach Basra zu nehmen. Um dem Gast eine Freude zu machen, bat er seine Dienerin, ihre Laute hervorzuholen und zu singen. »Mein Freund, kannst du es auch so schön«, fragte er ihn dann. »Ich kann etwas, das noch viel schöner ist als dieser Gesang,« antwortete der junge Mann und rezitierte mit ausdrucksvoller Stimme einige Verse aus der 39. Sure: Sprich: O ihr meine Knechte, die ihr euch übernahmt an euren Seelen, verzweifelt nicht an Gottes Gnade. Gott vergibt die Vergehungen alle, Er ist der Verzeiher, der Barmherzige … Da stieß der Kaufmann einen gewaltigen Schrei aus und fiel ohnmächtig zu Boden. Als seine Gefährten sich besorgt über ihn beugten, hatte der Tod ihn schon ereilt.

Diese Geschichte, die der schafi'itische Korankommentator at-Ta'labi (gest. 1035) überliefert, soll sich um 700 unserer Zeitrechnung zugetragen haben. Die gelungene Rezitation des Koran ist von solcher Schönheit, als ragte das Transzendente in diese Welt hinein. Bisweilen sprengt sie das Fassungsvermögen des Hörers und rafft ihn buchstäblich hin. At-Ta'labi hat ein ganzes Buch diesen qatla l_Qur'an, den »vom Koran Getöteten« gewidmet. An einem bestimmten Punkt schlägt die Schönheit in Schrecken um, in ein maßloses Entsetzen, das der Mensch nicht erträgt. In der Regel beschränkt sich die Wirkung der islamischen Offenbarungsschrift darauf, den Hörer zu begeistern, zu beglücken, zu erschüttern und in Ekstase zu versetzen.

Die Muslime sind überzeugt, dass dem, der den Koran im arabischen Original hört, gar nichts anderes übrigbleibt, als an seine Botschaft zu glauben. Jede Faser seines Herzens würde vom reinen Laut der Sprachmusik angerührt, und Vers für Vers, Ton für Ton nähme er ihre Harmonie, die Vollkommenheit ihrer Ordnung, ihre Formvollendung auf. Es ist, als habe sich etwas im Grunde Unerfahrbares in ihn tief eingebrannt. Der Glaube an die stilistische Unübertroffenheit des Koran, an die Synthese von Schönheit und Wahrheit dieser göttlichen Botschaft gehört spätestens seit dem 10. Jahrhundert zu den identitätsstiftenden Elementen der muslimischen umma. Wenn es ein Wunder des Islams gibt, so ist es die vollendete Schönheit dieses geoffenbarten Textes.

Selbst der in Paris lebende syrische Dichter Adonis, der sich weit vom Islam entfernt hat, betont die Macht des Wortes im Koran:

… die Araber waren betört durch seine Sprache, durch deren Schönheit und Kunst. Die Sprache war der Schlüssel, der die Tür öffnete, damit sie den Islam als Religion annahmen. Daher ist es unmöglich, auf irgendeiner Ebene zwischen dem Islam und der Sprache eine Trennung zu ziehen … Sie glaubten an ihn, nicht weil er ihnen die Geheimnisse des Seins oder der menschlichen Existenz eröffnete oder ihnen eine neue Ordnung des Lebens brachte, sondern weil sie in ihm eine Schrift sahen, die nichts Bekanntem glich. Vermittels der Sprache veränderte sich ihr Wesen von innen, und die Sprache war es, die ihr Leben veränderte.

Möglicherweise geht die ästhetische Bannkraft des Koran zu Lasten der semantischen Exaktheit. Der Autor - nach muslimischer Auffassung Gott selbst - ordnet die Wortmuster nach Kriterien des Klanges an. Wenn er seine Gedanken an die rigiden sprachlichen Strukturen des Arabischen anpassen muss, führt das zu verschwommenen und ungenauen Bedeutungen in der Lexik. Zwar billigen auch Kritiker wie der Koranwissenschaftler Theodor Nöldeke zumindest Teilen des Koran eine starke Ausdruckskraft zu. Sie bemängeln jedoch die zahlreichen überflüssigen Wortergüsse. Zwischen den einzelnen Gedankengängen bestünden nur äußerst lockere Verbindungen. Und selbst die Syntax sei holprig: die häufig auftretenden Anakoluthe ließen sich nicht als bewusste Stilmittel erklären. Es gebe abrupte Wechsel des Reims, eine voneinander abweichende Behandlung des gleichen Themas in aufeinanderfolgenden Versen, oftmals mit Wiederholungen der gleichen Worte und Wendungen; Brüche in der grammatikalischen Konstruktion, abrupte Änderungen in der Verslänge, direkte Nebeneinanderstellungen von sich offensichtlich widersprechenden Aussagen, aber nirgends eine gleichmäßige Fortentwicklung der Erzählung.

Was den unbefangenen Leser bei der Lektüre des Koran zunehmend verwirrt und ermüdet, ficht den gläubigen Muslim keineswegs an. Er nimmt vor allem den Klang der göttlichen Botschaft in sich auf, berauscht sich an der Musikalität schroffer, dann wieder fast schwebender Wörter. Denn darin sind sich die sonst zerstrittenen Sunniten und Schiiten einig: das Hören ist für den Gläubigen das Beherrschende. Dieses sama' steht im Zentrum der ästhetischen Wahrnehmung. Das dem Herzen sich unmittelbar erschließende Gehörte ist die einzige Möglichkeit der Berührung, die Gott duldet. Alle logischen Widersprüche verlieren ihr Gewicht. Die Gegensätze heben sich auf. Denn Er ist ganz anders als die irdische Welt.

Auch wenn der ontologische Gegensatz von Schöpfer und Schöpfung die gänzliche Seinsohnmacht der geschaffenen Welt nach sich zieht — Gott ist die einzige Ursache, eine innerweltliche Kausalität existiert nicht -, so verheißt doch die von Muhammed verkündete Heilsbotschaft jedem Menschen, ja aller Kreatur die unverbrüchliche Verbundenheit mit dem Schöpfer: Der Mensch ist nie verlassen, nie auf sich selbst gestellt. Diese Gewissheit verleiht dem Muslim eine kaum aufzustörende Gelassenheit, die seinen Alltag, sein ganzes Leben prägt. Allerdings wird er unablässig von Gott beobachtet, der nie ruht und zu jeder Zeit in sein Schöpfungswerk eingreift. Unermüdlich und ohne Unerbrechung sorgt er für seine Geschöpfe. Während der christlich-jüdische Gott nach der Erschaffung der Welt sich einen Ruhetag gönnt und seine Geschöpfe in die Freiheit, in die Eigenverantwortung entlässt, will sich Allah von seinem Werk nicht trennen. Der Koran betont immer wieder, dass Gott stets auf das Wohl seiner Geschöpfe bedacht sei. Allerdings fehlen dem Kosmos und auch dem Menschen, der ja Teil dieses Kosmos ist, eine eigene Bestimmungsmacht. Letztlich ist der Mensch unfähig, seine Handlungen in eigener Verantwortung zu konzipieren und aufzuführen. Alles Reden und Tun gehen nur dem Schein nach von ihm aus. Denn Gott allein ist der Ursprung allen menschlichen Handelns. Wenn man sagt, der Mensch tue dies oder jenes, so darf man diesen Ausdruck nur metaphorisch verstehen.

In einem Hadith, der dem Propheten in den Mund gelegt wird, heißt es: Handelt! Und die beste Handlung ist das rituelle Gebet (salat). Der praktizierte Glaube, der in diesem salat gipfelt, ist der Kern des Islams und das einende Band aller Muslime der unterschiedlichsten Richtungen. Im Ritus tritt der Mensch vor Gott von Angesicht zu Angesicht. Der Vollzug der Ritualpflichten schärft ihm den Sinn seines irdischen Daseins in ständiger Wiederholung ein. In der 51. Sure sagt Gott unmissverständlich: »Ich habe die Menschen nur geschaffen, damit sie mich verehren.« In die Lobpreisung des Einen stimmt die gesamte Schöpfung mit ein, wie es der Kairiner Rechtsgelehrte Asch-Scha'rani vor 500 Jahren erfahren hat: Ich hörte, wie die Säulen, die Wände, die Matten in der Moschee, das Pflaster im Hof Gott priesen, und ich erschrak. Dann vernahm ich die Worte von Menschen am Rande Kairos, und dies weitete sich auf die Dörfer aus, dann über alle Gebiete der Erde bis an die Meere ...

Bisweilen wird der Verstand als Gottes liebstes Geschöpf gepriesen. Doch taugt er nicht dazu, den Menschen zur Bewältigung seines Lebens mittels Entfaltung eines sich steigernden Erfindungsreichtums anzuleiten. Da Gott laut Koran Adam alle verfügbaren Namen lehrte, kann der Mensch von sich aus die Menge des ihm von Gott zugemessenen Wissens ohnehin nicht vermehren. Ganz anders der biblische Adam: Er hatte die Freiheit, die Schöpfung eigenverantwortlich zu benennen. Der auf sich gestellte Mensch gebraucht den Verstand zum Überleben, um bis an die Grenzen des Erkennbaren und mitunter in einem Anflug von Hybris darüber hinaus vorzudringen. Der fürsorgliche Gott des Islam, stellt seinen Geschöpfen die Welt zu Verfügung, ohne dass er dafür eine Leistung verlangt. Als Dankesschuld begnügt er sich mit der lebenslangen Verehrung. Und so fällt dem Verstand nur die Funktion zu, dem Menschen die göttliche Heilsbotschaft begreifbar zu machen. Auch die Naturwissenschaften dienen zu nichts anderem als zur Aufdeckung der im Koran hinreichend beschriebenen Verfahrensweise Gottes. Jedes eigenmächtige, nicht am Willen Gottes ausgerichtete Denken führt zwangsläufig in die Irre.

Trotz des Umbruchs, der schmerzhaft empfundenen Aporien und der gewalttätigen Eruptionen, die die Welt des Islams schon seit längerer Zeit durchlebt, bleibt sie einer nicht vergehenden Vergangenheit verhaftet. Mit geradezu nostalgischer Inbrunst idealisiert sie den ersten muslimischen Staat, den Muhammed in seiner Eigenschaft als Prophet, Staatsmann und Kriegsherr in Medina schuf. Die Muslime fühlen sich bis in die Gegenwart verpflichtet, ihn in ebensolcher Vollkommenheit wiederherzustellen. Den historischen Fakten hält dieses Ideal jedoch kaum stand. Plünderungen von Karawanen, der Mord an Gegnern und Spöttern standen schon am Beginn dieses theokratischen Gemeinwesens. Dazu vermerkt der Islamwissenschaftler Gustav v. Grunebaum: Es versteht sich von selbst, daß Mohammeds Stellung als Staatsoberhaupt die Themen seiner Offenbarungen nicht unbeträchtlich wandelte. Seine dichterische Kraft verblaßte im Lauf der Jahre, der Visionär wurde zum Prediger, der Prophet zum Theologen … Der Herr war nur dem Gläubigen gegenüber zur Vergebung geneigt; die Sittlichkeit seiner Lehre galt nur innerhalb seiner Gemeinde. Um den Islam zu festigen und zu sichern, waren Mord und Zwang, Überlistung und Bestechung zulässige Mittel.

Solange die Mehrheit der Muslime das Gemeinwesen von Medina als Idealzustand der menschlichen Gesellschaft betrachtet, an dem sich die nachfolgende islamische Wirklichkeit messen lassen muss, bleibt der west-östliche Dialog eine Illusion. Aus islamischer Sicht ist der moderne Staat ein fremdartiges despotisches Gebilde. Auch lässt sich der parlamentarische Gesetzgebungsprozess nicht mit der Heilsbotschaft vereinbaren. Denn alle Gesetze gehen auf Gott zurück. Allein die Scharia, das göttliche Gesetz, stehe mit der Schöpfung im Einklang. Begriffe wie Freiheit und Gleichheit kann auch der Muslim akzeptieren. Allerdings würden sie erst in einer islamischen Gesellschaft realisiert. Muslime und Andersgläubige als gleich zu betrachten sei so absurd, als würde man Kinder und Erwachsene auf eine Stufe stellen wollen. Erst im Islam finde der entfremdete Mensch wieder zu sich selbst.

Die Verherrlichung des Schöpfers – darin erfüllt sich letztendlich der Sinn menschlicher Existenz – gipfelt in der künstlerischen Gebärde: in der Architektur, der Kalligraphie, der endlosen Wiederholung der Namen Gottes im dhikr der Sufis und dem Gebetsruf des Muezzin: der sich verzehrende Schrei, der jäh abbricht, um dann mit seiner gebieterischen Modulation alle Kreatur in seinen Bann zu ziehen. Fünfmal am Tag gemahnt er jedes muslimische Gemeinwesen an dessen vornehmste Pflicht: sich seines Knechtsstatus (ta'abbud) zu erinnern und sich in Demut vor seinem Herrn zu prosternieren. Die ästhetische Dimension, zeit- und geschichtslos, überzieht jede andere Spielart irdischen Daseins – den ethischen, politischen oder sozialen Bereich – mit ihrem verführerischen Schleier. Darunter verblassen alle Versuche, das Gottesbild rational zu durchdringen oder gar das Handeln des Einen rechtfertigen zu wollen. Unter diesem Schleier bleibt kein Platz für irgendeine Art von Theodizee. Die ganze Fülle menschlicher Äußerungen, jede Form und Gestalt der Schöpfung weisen immer wieder auf das eine hin: Gott ist schön.