Eike-Wolfgang Kornhass

 


 

Ranitäten

 

Nicht nur auf Wittow, sondern auch auf den übrigen Halbinseln Rügens, Jasmund, Mönchgut, Zudar, ja sogar, wenn auch seltener, auf der Insel Hiddensee, von Kap Arkona, Putgarten, Bakenberg über Glowe, Lohme, Sagard, Bergen, Sassnitz, Thiessow bis nach Ummanz, Samtens, Rambin, Garz oder Poseritz taten sich bis vor kurzem seltsame Dinge. So rotteten sich etwa mitten in den Wäldern der östlichen Steilküste, vorzugsweise oberhalb der Wissower Klinken, an den Stränden von Binz, Sellin und Göhren, zwischen den absurden, kilometerlangen KdF-Bauten von Prora, in den Parkanlagen der Schlösser und Herrenhäuser von Boldevitz, Granitz, Granskevitz, Kapelle, Karnitz, Liberitz, Litzow, Ralswiek, Spyker, dem Schloßpark des Malte von Putbus, seltener zuoberst jener Düne der Lietzenburg auf Hiddensee oder auch spontan auf den Marktplätzen mancher Orte Haufen von Kindern zusammen, welche sich stets aufgeregt um vermeintlich Unsichtbares scharten. Unsichtbar offensichtlich für alle Erwachsenen, einschließlich solcher mit feineren Sensorien, also Künstler, Dichter, Musiker, Mystiker oder Liebeskranke. Die von der Wahrnehmung ausgeschlossenen Eltern, Politiker, Verwaltungsbeamten, Fremdenverkehrsdezernenten, Banker, Polizisten, ja sogar Steuerfahnder waren längst in gesteigerte Rage geraten, weil sie den Kinderberichten, nein, Ausgeburten juveniler Phantasien, denn wie anders sollte man derlei spinnöses Zeug wohl nennen, beim besten Willen nichts abgewinnen mochten. Die Söhnchen und Töchterchen braver rügener Inselbewohner quer durch sämtliche Bevölkerungsschichten wollten vorwiegend zu christlichen Feiertagen an wechselnden Schauplätzen immer wieder gesehen haben:

Eine kleine Schar von Fabelwesen, halb Satyr, halb Troll, die um eine alle überragende Hauptfigur herumtanzten, eine riesenhafte, bärtige Gestalt mit vier, ja in der Tat vier Köpfen und Gesichtern, ein gewaltiges Trinkhorn im Arm, bekleidet mit einem langen, russischgrünen Mantel mit edelstem Pelzbesatz und prächtigen Stickereien. Die vier Gesichter, so erzählten die Kinder, hätten jeweils verschiedenen Ausdruck, eins erscheine als lustig lachend, das zweite verschlossen und abweisend, das dritte tieftraurig, das vierte schließlich schauerlich furchterregend und sogar ein wenig blutrünstig. Aus jeder Stirn wachse ein großer, blauer, hell funkelnder Diamant. Das vierte Gesicht aber sei den Kindern das liebste, weil es bei ihnen ein wohlig-kribbelndes Gänsehautgefühl erzeuge. Vier verschiedene Münder ließen liebliche, harmonisch abgestimmte Gesänge ertönen. Die wunderliche Märchenfigur herrsche ganz offensichtlich über die übrigen Tänzer und werde von diesen unterwürfig angebetet. Sie bewege sich langsam, würdevoll und gleichzeitig etwas tollpatschig, man könne manchmal fast ein wenig Mitleid wegen nie gesehener Häßlichkeit mit ihr haben, gleichzeitig auch eine klitzekleine Furcht, welche jedoch den Reiz verstärke, ihr wieder und wieder nachzulaufen. Der Versuch, eine der phantastischen Gestalten oder gar den Riesen selbst anzufassen, vielleicht sogar einen Schluck aus dem _ _ _ Trinkhorn zu ergattern, sei stets fehlgeschlagen und habe meist darin geendet, daß die exotische Schar sich augenblicklich in Luft aufgelöst hätte.

 

 


Eike-Wolfgang Kornhass

 

 

 


 

 

 

 

 


 

Die Erwachsenen, besonders die vernünftigen unter ihnen, hielten solche Mähr natürlich, wie schon erwähnt, für hanebüchene oder auch gefährliche Sinnestäuschungen und versuchten, ihre Zöglinge mit erzieherischen Maßnahmen zu disziplinieren: Hausarrest, Sprechverbot, Taschengeldentzug und dergleichen mehr. Aber das Phänomen der Kinderhaufenbildung ließ sich trotz aller repressiven Anordnungen nicht abstellen. Immer wieder fanden die Kinnings Möglichkeiten, auszubüchsen und den außerweltlichen Figuren um ihren vierköpfigen Magier verzückt zu folgen. Man resignierte schließlich und nicht wenige Väter und Mütter waren nachgerade froh, das Interesse ihrer Leibesfrüchte für Fernseher, Playstation, MP3-Player, Mobiltelephone, Computerspiele und Internet merklich vermindert zu sehen.

Es gab sogar Eltern, die sich an längst vergessene Kinderreime aus vergangenen Jahrhunderten erinnert fühlten, wenn sie den romantisch anmutenden Versen lauschten, die anläßlich der so unerklärlichen Versammlungen immer wieder skandiert wurden:

Achtmal dunkler Zauberblick bringt den Kindern achtmal Glück.

Blaue Steine, schöne Lieder, bringen uns die Träume wieder.

Der Heimatpfleger trat auf den Plan, griff auf Rügens Geschichte und sagenhafte Überlieferungen zurück: Seit Mitte des 6. Jahrhunderts leben Heiden auf der Insel, slawische Ranen, verehren in ihren Tempelburgen mehrköpfige und -gesichtige Götter namens Rugievit, Porenut, Porevit, vor allen anderen aber Swantovith, der im größten Heiligtum über dem Meer in riesiger Tempelstätte verehrt wird. Heerscharen von Pilgern aus westslawischen Gebieten besuchen seine Tempelburg auf Kap Arkona, bringen Gold, Silber und Kleinodien als Gaben mit und häufig auch Menschenopfer dar. Erst 1168 macht der Dänenkönig Waldemar I. dem heidnischen Treiben ein Ende, läßt die Tempelanlage zerstören, das überdimensionale Götterstandbild des Swantovith stürzen, die Priester und Anhänger des Kultes reihenweise umbringen. Von der geschleiften Tempelburg bleibt nur ein heute noch zu sehender Erdwall übrig. Im Zuge der folgenden Zwangschristianisierung unter Bischof Absalon von Roskilde werden auf den alten heidnischen Kultstätten Rügens Backsteinkirchen von Altenkirchen, Swantow, Vilmitz über Bessin und Bobbin bis Garz und Groß Zicker errichtet, welche aber bis heute wegen ihrer kargen Bauweise und der eichenbe - standenen Kirchhöfe so gänzlich vorchristlich wirken. Unter Rückgriff auf derlei historische Bezüge könne es sich, erklärte der Heimatpfleger, bei den von Kindern umschwärmten Gestalten doch naheliegenderweise um Swantovith und seine Götter- und Priesterkollegen handeln, sozusagen wiederauferstanden gleich Jesus, für christliche Erwachsene jedoch unsichtbar: Kinderseelen sind da eben unvoreingenommener, im besten Sinne naiver, offener für Übersinnliches, lassen sich allzugern verzaubern.

 

 


Eike-Wolfgang Kornhass

 

 

 

 


 

 

 

 

 


 

 

So’n Mumpitz, meint der protestantische Inselpastor, aus Hamburg hergeholt, der den durch vier Jahrzehnte kommunistische Glaubensaustreibung sozusagen reheidnifizierten Inselbewohnern von der Freiheit eines Lutherischen Christenmenschen predigt. Auferstehung eines Götzen, ohne Trinität, stellvertretende Sündenaufsichnahme und Tod am Kreuz, nee, dascha aalns dumm Tüch, wie kann man bloß!

War man so’ne Idee, mault der Heimatpfleger, ganz grundlos scharen sich die Kinder doch wohl nicht um für unsereinen Unsichtbares und, Herr Pastor, Sie sagen doch selber ein um das andere Mal, daß es über die sinnliche Wahrnehmbarkeit hinaus noch andere Realitäten…

Ja, aber doch nich so’n Heidenkram, mit dem der dänische Waldi gottlob Schluß gemacht hat. Ich glaube beiklein, daß Sie bei all Ihrer Rumwühlerei in der vorchristlichen Vergangenheit selber rückfällig geworden sind und am liebsten Ihrem evangelischen Bekenntnis abschwören würden, um in slawischen Aberglauben zu verfallen. Ich seh’ Sie schon auf diesem Erdwall von Arkona knien, Swantovith huldigen und klammheimlich sogar von Menschenopfern träumen.

Aufgeklärter protestantischer Pastor und spökenkiekender Heimatpfleger als Protagonisten real existierender Christlichkeit und ranischer Spiritualität konnten sich einfach nicht einigen und polarisierten bald die Meinungen der Rüganer.

Als die Welt sich dieser Tage wiedermal im Wahn von Hochmut und blanker Gier überschlug, hörten die Kinderversammlungen so unvermittelt auf, wie sie gekommen waren. Die Ranengötter hatten plötzlich einfach keine Lust mehr gehabt, dem Tanz der geistverlassenen Christenmenschen um das goldene Kalb weiterhin zuzusehen. Und nicht einmal die Freude an unschuldigen Kinderseelen konnten sie davon abhalten, sich in ihr fernes Luftreich über den Nebeln der Ostsee zurückzuziehen. Seitdem herrscht wieder Ruhe auf den Marktplätzen, an den Stränden, in den Wäldern, den Parks der Herrenhäuser und dem Schloßgarten des Fürsten Malte von Putbus. Seitdem auch scheinen die Buben und Mädchen anarchische Spiele vergessen zu haben, sind ins Joch der Anpassung a n und Vorbereitung a u f ein Leben als dressierte Affen zurückgekehrt, machen brav ihre Schularbeiten, ertauben unter dem MP3-Player oder befriedigen ihre Sehnsucht nach Phantasiewelten durch Flucht in virtuelle Computerspiele.

Nur Heinrich, Melusine und der blonde Ekbert hatten keine Lust gehabt, in die Laufräder des Alltagsdaseins zurückzukehren. Sie sind spurlos verschwunden und sollen zuletzt bei Kap Arkona gesehen worden sein.

 

 

 


Eike-Wolfgang Kornhass