Elisabeth Merey-Kastner



das Flüstern der Stella Grashoff

 

Der Wetzstein steht schon wieder vor seiner Mülltonne und stopft die zerlumpten Klamotten seiner Frau hinein, denkt Stella Grashoff. Sie flüstert, schaut zum geschlossenen Schlafzimmerfenster hinaus. Murmelt ihre Gedanken in den schweigenden Raum. Hoffentlich stirbt er bald, wispert sie. Es wäre nicht schade um ihn. Nicht um diesen.

Der Lechkanal fließt am Alten Stadtbad vorbei, berührt die Fundamente zweier Häuserreihen. Graffiti-Gesichter starren ins Grau. Die Sonne liegt über ausgefransten Wolken. Geräusche von Eiskratzern verstummen im Glockengeläut des Doms.
Wenn Stella denkt, flüstert sie. Auch auf der Straße flüstert sie, humpelt neben ihrem Stock, hechelt, starrt auf das Rauf und Runter des vermüllten Kopfsteinpflasters. Sie grüßt niemanden, erwidert keinen Gruß, merkt nicht, wenn die Leute schauen, sich umdrehen. Siegfried Wetzstein, 1922 ­ 2007, würde auf deinem Grabstein stehen. Sportlehrer in Pension. Stella hebt einen Arm und winkt den vollen Mülltonnen zu. Die Müllabfuhr kommt am Montag, denkt sie wispernd. Wenn Stella morgens durch ihr Schlafzimmerfenster in den Himmel schaut, sieht sie feuerrote Flocken auf Giebeldächer fallen. Darüber dreht sich ein orangefarbener Kran: LIEBHERR. Wie ein Gebet, denkt Stella: LIEBHERR. Heute dreht sich der Kran nicht, es ist Samstag. 24. Februar 2007 steht im Kalender. Still, ganz still.
Wetzstein, du alter Nazi, denkt sie. Wolltest meinen Vater hinhängen. Bist aber gewetzt, weg warst du, als die Alliierten kamen. Gewetzt und fortgehetzt. Als du wiedergekommen bist, hast du bereut, hast unterschrieben, wurdest zum Sportlehrer ausgebildet, hast Kinder durch Turnhallen und Wiesen gejagt, hast sie schlecht benotet, wenn sie nach dem Weitsprung auf ihren Hinterteilen landeten, wenn beim Hochspringen die Latte herunterfiel. Auch in Turnen kann man sitzen bleiben, jawohl(!), sitzen bleiben(!), hast du gesagt. Noch ein letzter Versuch in der nächsten Stunde, dann...
Und der Haifisch, der hat Zähne
Und die trägt er im Gesicht ...
Und der Wetzstein trägt ein Messer
Doch das Wetzen hört man nicht ...
Die Kinder haben den Bertolt umgeschrieben, haben gelacht, gesungen auf dem Nachhauseweg, mit ihren pubertären kratzigen Stimmen gegrölt. Ihr Lachen hat ihre Angst vernichtet, aufgefressen sozusagen, flüstert Stella. Bis zur nächsten Turnstunde, dann ...
Denn die Kinder sind im Dunkeln
Und der Wetzstein steht im Licht.
Und man sieht nur den im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.
Dein Hauptinteresse, Wetzstein, gilt immer noch dem FC Augsburg. Dem Rosenaustadion. Seit 56 Jahren diesem. Zweite Liga, letzter Platz. Sie haben neue Spieler eingekauft, hast du zu deiner Nachbarin gesagt. Hast mit den Fingern geschnalzt, deine Rechte zu einer Faust geballt, in die Luft geschlagen wie ein Boxer beim Training. Jetzt! Zur Erinnerung an die Bombennacht vom 24./25.02.1944 hatten Augsburger Neonazis eine Demonstration in der Innenstadt angekündigt. Der Oberbürgermeister der Stadt protestierte. Das Verwaltungsgericht war der Meinung, eine Demokratie müsse Nazidemos zulassen. Stella wundert sich. Demokratie? Sie flüstert das Fragezeichen. Eine Gegendemo findet auf dem Martin-Luther-Platz statt. Nach stundenlangem Hin- und Herüberlegen verliert Stella ihre Bedenken und verlässt die Wohnung gegen Mittag in Richtung Martin-Luther-Platz. Sie überquert den Rathausplatz, stützt sich auf ihren Gehstock, humpelt übers Kopfsteinpflaster. Glatt, verkehrt, flüstert sie beim Gehen wie beim Bündchenstricken. Glatt ist das gesunde Bein. Verkehrt ist das Humpelbein. Jugendliche raufen, zahlreiche Polizisten lachen. Leere Polizeiautos stehen in Reih und Glied. Die Straßenbahn fährt. Am Martin-Luther-Platz, gleich hinter der Karstadt-Filiale ist eine Bühne aufgebaut. Eine jüdische Band wartet auf ihren Einsatz. Ein Mann spricht durch einen Lautsprecher: Nie wieder. Vier Infostände. Stella geht zu einem der Stände. Wo sind die Nazis, wispert sie, räuspert sich, möchte verstanden werden. Die Standfrau öffnet die Arme, zieht die Schultern hoch, als würde sie sich entschuldigen wollen. Schade. Stella füllt ein Formular aus, unterschreibt, humpelt weiter. Die Frau schaut ihr nach, winkt. Stella sieht es nicht. Auf der Annastraße liegt ein alter Mann mit zusammengerolltem Körper auf dem Pflaster. Wie leblos. Neben ihm ein Hut, leer. Stella wirft eine Münze hinein. Unweit von dem Mann stehen Polizisten. Sie geht zu ihnen. Entschuldigen Sie bitte die Störung, es dürfte Ihrer Aufmerksamkeit entgangen sein, dass dort, sie zeigt in die Richtung des auf dem Boden liegenden Mannes, ein Herr, sie betont Herr, reißt ihre Lippen auseinander, räuspert sich, flüstert, auf der Straße liegt und Hilfe benötigt. Die Polizisten lächeln, verstehen die Worte nicht. Einer streckt seinen Kopf näher zu Stellas Mund. Nickt. Dem kann man nicht helfen. Der lässt sich nicht helfen, sagt er. Ich kann ihn nicht hochziehen, flüstert Stella kaum hörbar und zeigt dem Polizisten ihre gichtigen Hände. Vor dem Woolworth steht ein Pantomime im langen roten Kleid. Schüttelt Arme und Beine. Sie sehen wie Gummiglieder aus. Seine Pappnase, sein Fratzenspiel erheitern ein Kleinkind. Der Pantomime hebt seine Arme, beugt sie nach hinten. Langsam mit lächelndem Mund macht er eine Brücke. Brummt. Aus seinem Mund steigen Luftblasen, vom Speichel umrahmt. Auto, quietscht das Kleinkind. Auto.
Stella überquert die Karlstraße, betritt die Augsburger Arkaden. Geht zum PLUS, legt Kaffee, Brot, Käse, Salat und Zigaretten in den Einkaufswagen. Die Frauen an den Kassen kennen sie. Wissen, dass sie nicht spricht, nur flüstert. Das Einscannen der Waren geschieht wortlos. Auf Wiedersehen, Frau Grashoff. Kopfnicken zum Abschied.
Auf dem Nachhauseweg bleibt Stella vor dem Alten-Stadtbad stehen. Sie bohrt ihren Stock zwischen zwei Pflastersteine, stützt sich ab, liest Öffnungszeiten. Der Lechkanal fließt geräuschlos. Graffiti-Gesichter starren ins stumme Grau.
Klaus Barbie, flüstert sie, du Massenmörder, Schlächter von Lyon. Hast hier gelebt nach «45. Die Alliierten haben dich beschützt, auch Pius der Papst. Bist später über die Rattenlinie nach Bolivien gerutscht, du Ratte. Stella humpelt den Hügel zu ihrer Wohnung hinauf. Sie atmet schwer. Das Rauchen, denkt sie.
Nach 1933 reden die Eltern Stellas oft über Bertolt. So nennen sie ihn. Sie kennen ihn seit der Kindheit, besuchten auch das Peutinger-Gymnasium. Bertolt war Bester. Bertolt auf einem Foto, spielend. Bertolt vor dem Wohnhaus, heute Museum. Bertolt auf einer Bank vor der Schule. Das Schönste an Augsburg ist der Zug nach München, hatte er gesagt. Der Stolz dieser Großstadt. Touristenattraktion.
Ich war elf Jahre, als du emigriert bist, warst mein Schwarm, flüstert Stella. Habe ein Foto von dir unter meinem Kopfkissen versteckt. Mutter hat es gefunden, hat ernst geschaut. Fotos gehören ins Album, hat sie gesagt. Bertolt ist im Ausland. Du bist zu jung, erst elf. Träume nicht, lerne.
Nie habe ich dich kennen gelernt. In dieser Kulturstadt, Stella räuspert sich, bist du nie mehr gewesen..., Touristenattraktion.
Autos biegen um die Ecke. Stella drückt das Fenster zu. Wetzstein parkt, steigt aus, geht zur Mülltonne, hebt den Deckel. Stella wickelt den roten Schal um ihren Hals, betritt den Balkon, hofseitig. Sie lehnt sich gegen das Gitter, schaut laufenden lachenden Kindern zu, einem an die Linde angeketteten Hund. Der friert und knurrt. Stella wendet sich ab, räuspert sich, holt aus der Bar die Flasche Whisky, stellt sie ins Bad. In die Nähe der Wanne. Erst morgen, flüstert sie. Ein Schritt bis zum Spiegel. Stella schiebt die Brille über ihre Haare. Sieht verschwommen. Konturen. Keine Falten. Die Augen hellblau wie der Himmel im ersten Bilderbuch. Seiten aus Karton. Großformatig. Das Umblättern fällt schwer. „Die Buschbohne und die Kletterbohne” Sie kommen zur selben Stunde zur Welt. Ihre Blumenköpfe wachsen nebeneinander. Blätter wie tastende Kinderfinger. Spielen. Augen und Münder von lachenden Blüten umrahmt. Hinter der Kletterbohne eine Stange in den Boden gestampft. Hoch wie der Gartenzaun. Die Kletterbohne wächst. Hält sich mit Fingern und Zehen an der Stange fest. Einmal noch umblättern, letztes Bild. Die Kletterbohne reicht ihre Arme hinunter. Sie erreichen die Buschbohne nicht. Aus den Augen tropft es. Regen fällt.
Stille.
Stella dreht den Wasserhahn auf und wäscht ihr Gesicht.