Clemens Kuhnert


 

Das Frühstück des blinden Nomaden

 

Dabei ersetzt die Ethik ja noch nicht einmal das Wahre durch das Falsche, sondern situiert bloß den ersten Atemzug des Menschen nicht im Leuchten des Seins, sondern in der Beziehung mit dem Seienden, noch vor jeder Thematisierung dieses Seienden - eine solche Beziehung, in der das Seiende nicht mein Objekt wird, ist strenggenommen die Gerechtigkeit.

Emmanuel LEVINAS aus "Eigennamen"

A.1   Schneeweiß strahlen die Zähne hinter zurückgezogenen Lippen. Aber sie lächelt nicht. Mit der Faust versucht sie das Schluchzen zurückzustopfen. Hinter der Tür, das bin ich, der Vater, der brüllt. Warum schlug sie die Türe zu? Weiß sie nicht, daß es brennt, hinter der Tür. Daß ich verbrenne, wenn sie nicht aufmacht? Hysterisch, wie sie vor der Tür kauert und mit der Faust ihren Mund malträtiert und nichts tut. Das Zimmer hat zwei Türen. Du mußt durch die rückwärtige Tür, der Tür zum Flur, denke ich. Sie wird mir hier nicht mehr öffnen. 
Aus der rückwärtigen Tür kommt unsere Kinderfrau. Komisch, wir haben eine Kinderfrau? - Sie hat versteinerte Züge, blicklos. Sie scheint unberührt, dabei kommt sie aus meinem brennenden Raum. Seelenruhig schließt sie die Türe hinter sich zu und verzieht sich. Es ist hell, sonnenhell in diesem Flur mit der Tür zu dem Zimmer, in dem ich bettel, der Tür, an die ich schlage, der Tür, hinter der es brennt. 
Mein kleiner Sohn stürzt zu ihr hin. Papi, Papi!' brüllt er und: "Laßt ihn raus!" und er zieht an der Klinke und die Tür geht auf. 
Ich falle auf den weißbefließten Fußboden. Mir züngeln Flammen am Leib, fast unsichtbar im freundlichen Tageslicht. Sie springen meinen Sohn an, der weinend neben mir hockt und mit der kleinen Hand meinen verschraubten Körper abklopft. 
Aus der Küche kommt meine Frau und geht zu der Tür, aus der ich fiel, aus der weiß gleißend das Licht fällt, und geht hindurch. - Sie kann das doch alles nicht wollen, denke ich. Sieht sie uns denn nicht? Mein Sohn und ich brennen, ohne schwarz zu werden. Es ist fast gemütlich. Und sehr still.

1.2  Wenn die Sonne vom Schreibtisch über den Steinboden aufs Bett gekrochen ist, es warm werden läßt unter der Decke und sie die Augen aufbeißt, dann klingt es wie Bimetall, das sich dehnt und auf Wachzeit springt, und ich beginne zu husten: Nachtasche, wiederauferstanden im Schleim. 
Erst neulich hatte ich den Morgenmantel beim Waschen. Doch wer soll mich schon riechen können? Die dicken Socken halten mir die Füße warm genug. Für den Fall, das der Postbote klingelt, tränke ich vor dem Spiegel die aufgestrahlten Haare mit der Hand. Da heute keine Zeitung aus dem Briefkasten zu holen ist, laß ich es gut sein. 
In der Küche liegt licht und freundlich der Vormittag. Auch der Abwasch kann ihn nicht trüben. Vorsichtig ziehe ich meine Tasse, mein Messer, meinen Löffel und meinen Teller aus einem Berg, der klirrend nachrutscht. 
Vom schmierigen Porzellan schwappt die Brühe zu Boden. Porzellan, das Wort kommt vom italienischen Wort für Ferkel, denke ich, und daß ich das nachher aufwischen werde, denke ich auch. 
Dampfend sabbert die Maschine auf das Kaffeepulver. Mit verschränkten Armen, den Rand der Spüle im Kreuz, starre ich auf den gedeckten Tisch und überlege, was fehlt. Nässe dringt durch die Socken. Ich schlucke am Duft röstenden Brotes. Brot, Getreide, Sonne und Wasser und Erde und Salz. Fruchtbare Fäulnis, jemandes Besitz: Er macht den Samen ihr Bett, mit Stahl gerissene Wunden in der Symbiose von Pflanze und Mensch. 
Mit Stahl Wunden reißen: Und Männer brüllen und Frauen schreien und Kinder weinen. Da verhängt Rauch die Sonne, das Haus brennt, und es brennen die Felder. Ein Schuß, ein Körper, der fällt, teigige Masse das Haupt. Nur der Schrei bleibt stehen. Und in geschälten Schenkeln platscht es mit aller Gewalt. Männer lachen: Die Sieger, die Besetzer. Beiläufig mit dem Bajonett an den Boden genagelt öffnet ein Kind die starren Arme. Einer der Männer öffnet einen getrockneten Hodensack und stopft sich die Pfeife daraus. Ein zerstörtes Geschlecht blutet Schweigen. Es riecht nach verbranntem Brot.

B.3 Hinter dem Auslöser ein Mann, wahrscheinlich sagte er ich "liebe dich", wahrscheinlich sagte er "lächeln' und, beim zweiten Mal, da er dein Lächeln sah, drückt er ab. 
Es ist ein gutes Bild, klar. Dein Lächeln sagt: "Ich liebe dich". Nur, wieso sagt es das mir? - Der Mann hinter dem Auslöser muß es verloren haben, dieses Lächeln, das ihm zugedacht war. Während er den Auslöser drückte, muß er es dort fallen gelassen haben, wo ich es schließlich fand, wo es jeder finden kann. Immer. 
"ich liebe dich", sagt es mir ewig, und ich will mich nicht trennen. Doch muß nicht er hinter dem Lichtbild stehen, durch das Objektiv starren, Finger, der noch immer den Auslöser drückt? Das du mich vielleicht hintergehst, das wurmt mich. - Was muß geschehen? 
Ich nehme dein Lächeln mit ins Labor, setze es vor eine Kamera und schaue durch ihr Objektiv und sage "Lächeln" und "ich liebe dich" und da ich dein Lächeln sehe, drücke ich ab. Hinter dem Auslöser ein neuer Mann. Ich. Nun antwortet dein Lächeln einbahnfrei mir. Wir lieben uns. Na gut. Was soll geschehen? - Dem dritten Passanten, der meinen Weg kreuzt, werde ich dieses Lächeln und diese Liebe verschenken.

2.4  Das Ei ballert auf dem Kochtopfboden. Ich habe vergessen es aufzustechen. Nun ist es geplatzt und zieht einen Schweif von geronnenem Eiweiß durch das siedende Wasser. 
Die Butter fehlt noch. Und das Gelee. Zur Feier des schönen Tages zieh ich es mit dem Löffel aus dem gekippten Glas in ein sauberes Schälchen. Es schmatzt klebrig und satt und rote blasen fensterblau spiegeln verschleierte blicktentakel gewalt strudeln moluskel in schlabbernde schlünder ölige massen schwemmen profile vorärschen aufgedrückt auf stoßen schwänze vor stoßen kohorten bluten totchic abgeschwitzten marschtakt tabumta torschuß bumtabum frontensystem und tabums gestöhn unterm bildrand megagefickt silikon prall abwaschbar bittersüß abgeschmackt fleisch geil zahnkränze überstrahlen gruppenzielgruppen darmschlingen geschmackvoll gardi,nen weiß phosphatfrei verdauen speichelenzyme recycelbar kunstblüten schwere betroffenheit keimfrei versichern lichtschutz sonnencremen krebsschwangeren häuten kopfpanzer ketten multikonsumerabel kulturabschlüsse garantiert kinderlight schließlich, so, das reicht. 
DerTisch ist gedeck tund der Kaffee ist gemacht und das Brot ist geröstet und die Eieruhr klingelt. Ich gieße das kochende Wasser in den Abwasch und schrecke das Ei ab. Obwohl ich Zeit habe, lassen mich solche Verrichtungen rasch ungeduldig werden. 
Schwarz und duftend schenke ich mir den Kaffee ein, endlich. Verschiedene Spots vom glücklichen Frühstück durchkreuzen mir die Gedanken, lästige Ohrwürmer. Hoffentlich verdrängt sie mein Selbstgespräch, jene beschauliche Denkbewegung, der langes Gehen oder die Kaubewegung den passenden Rhythmus geben kann.

1.5  Wäre ich blind, dann wäre ich Riechen. - Wie kann man Riechen sein? Also langsam: Wäre ICH wie Duftquelle quellt und Dufttrinker trinkt zugleich. ICH die Regel, wie sie sich binden, wäre ich Riechen. Beide müßten mir gleich gültig sein, gleichzeitig. Jeder Geruch müßte Gegenwart bestimmten Riecherls sein, meine Gegenwart. Riechen und Geruch wären identisch. "Ursprung" und "Ende" jeden Duftstroms wären eine Konstellation austauschbarer Zeichen in der geschichtslosen Gegenwart austauschbarer Erinnerungen: Austauschbare Variabeln einer umkehrbaren Funktion, deren verschiedene Möglichkeiten sich im Verhältniszeichen Riechen" ewig offen hielten. Immer. Zeitlose Form. Genauso wäre Vorher" und Nachher" des Duftstroms allein eine Frage der Perspektive, notwendige Fiktion eines bestimmten Standortes im Beziehungssystem. Wertesystem, in dem ein Verhältnis gesetzt ist. So gesehen bliebe Zeit haltlos: Behauptung einer Sprache, welche die Zeit als zählbare, erzählbare Größe eigenständig wirken läßt. Behauptung einer Sprache, welche Zeit als unabhängige Kraft erscheinen läßt, als eine Kraft, welche Ereignisse gleichwertig in einen kontinuierlichen, unumkehrbaren Geschehenszusammenhang stellt. Und wie sich mit Beginn der Zahlenreihe gemäß der ihr innewohnenden Gesetzmäßigkeit auch ihre Fortführung behauptet, behauptet sich mit der Möglichkeit des Anfangs auch ein Ende des Zählens: Ein Ende der erzählten Geschichte. Unserer Geschichte offenbarte sich also im Wort ihr wirkendes Gesetz. und am Ende wäre kein Wort. 
Zurück zum Riechen. Wenn ICH Riechen wäre, wäre mir also alles gegenwärtig, was mich als Beziehung, was mich als Form spannen würde. Alle Fluchtpunkte, die dieses Verhältnis spannten, wären der Folge "Achselschweiß" und Nase" gleichgültig, austauschbare Zeichen, so vollkommen wie beliebig. Nur das im Erleben, d h. hier im Satz, der Zeichenfolge: "Ich rieche dich", die Zeichen "ich" und "du" selbstverständlich komplexeren Zeichensystemen innewohnen würden. Ewig bestimmtes Riechen, ICH, ewige Form: ICH wäre schuldlos, ICH nähme sogar alle Schuld zurück, denn wie könnte mir jemand etwas schuldig bleiben? - Und so bliebe die Folgerung: ICH rieche, also bin ICH Riechen, erfüllte Offenbarung: ICH bin der, der ICH bin: Zeichenbeziehung, Sprache. - Am Ende ist kein Wort.

C.6 Natürlich reiße ich der Puppe den Kopf ab. Wenn er mich sonst nicht anschaut, es nicht nötig hat. Nur wenn ich ihr an den Kragen gehe, da hat er Schiß, da macht er was. Warum spricht er auch nur von der, echt, ich weiß nicht. Die nimmt mir meinen Platz weg. Ich weiß nicht, mir geht es echt nicht so gut, Ich habe den vollen Zorn, echt, keiner hört mir zu. Das kannst du glauben. Aber das ist ja bekannt, mit seiner Puppe hat er sich. Nur leicht angedreht hab ich ihr den Kopf, nur so kurz gequiekt hat sie, da hat er gleich geschaut. Plötzlich hält er den Kopf nicht mehr so, verstehst du: So oben. Da fragt er, was los ist, was er machen soll, wegen der Puppe. Warum die mich stört, was die denn gemacht hat, wohin er denn soll mit der. Und wenn die stört, dann muß man das mal halt ertragen, sagt er. Aber sicher, daß sich da ja was ändern müßte, das gibt er auch zu. Schiß hat der gekriegt, weil da hat er halt mal gesehen, wie das ist. - Und bestrafen will er mich: Hier schlägt nur einer zu, sagt er. Trotzdem. Dabei sagen alle, daß der gesponnen hat mit seiner Puppe. Der hats nötig - auf einmal. Wenn ich die krieg, der dreh ich den Hahn ab, die mach ich alle, das kannst du glauben.

3.7  Milch. Die Milch fehlt. Ich habe die Milch im Eisschrank vergessen. Mein Bein bleibt am Tisch hängen. Kaffee schwappt, schwemmt über die Resopalplatte. 
Den Pieker finde ich neben der Spüle. Ich schlage ihn auf das Dosenblech. Erst beim zweiten Versuch treibt sich seine Spitze unter das kalte Metall. Der Abwasch scheppert, klirrend wechselt ein Messer seine Etage. Und nochmal. 
In Erwartung der Schläge dauerverkrampft schluchzt der gekrümmte Leib nach dem Rhythmus der Stiefeispitzen. Zielsicher und ohne Hast pendeln sie aus auf preisgegebene Positionen: Unter das angepresste Kinn, die verklammerten Arme, in die Rippen und den reißenden Schließmuskel. Bald schweigt er ganz, der nackte Körper und öffnet den weichen Bauch, das nasse Geschlecht dem Unausweichlichen. Schließlich planscht eine schwere Ferse im Quell tauber Ohren und läßt die blauen Knospen zu rotem Gallert zerplatzen. Blicklos. Langsam öffnen die Lippen ihre blutschwarze Höhle. Tonlos. 
Die Haut in der Tasse vibriert. Das rote Tuch saugt in einer Welle die schwarze Pfütze vom Tisch. Im hohen Bogen werfe ich den Lappen zurück. Gut getroffen, kaffeeschwer baumelt er schlaff vom Wasserhahn.

11.8  Ich bin blind, ich bin Sehen. Denn wäre ich Riechen, Fühlen, Schmecken, Hören oder ... Sprechen. Wie kann ich das erleben: Daß der Geruch in der Nase der deine ist und nicht der meine, nicht der eines Anderen, nicht der eines Apfels? Wie kann ich das sagen: ich rieche dich." 
Riechen: "Ich rieche dich", sage ich. "Du" als Zeichen zweifellose Möglichkeit, gewiß. Das geschah schon, ist mir bewußt. Das kann ich vorher sagen oder auf sich beruhen lassen. Vergeß ich das mal. 
Riechen, Vergessen, Träumen, Schreck des Erwachens, in dem sich die Welt in Spannung setzt, sich etwas mitteilt, das heißt, die Einheit zerspringt. Ich der Selbe. Du, Unerwartetes: Geburt des Anderen. Und du: Mensch, Geruch: Erfülltes Zeichen, Möglichkeit, die sich erfüllt: Fremder als alles überfällt es mich immerzu, und ich vermag es nicht zu wollen. Ich habe es nicht gewußt, erfahre ich jetzt, und ich weiß, ich kann es weiter nicht wissen. Doch folge ich dir, folge dem Geruchsstrom, folge dem Sich-Entfernenden über die Ferne. Sich-Entfremdenden über die Distanz, folge dir über die Zeit. 
Riechen und Geruchsstrom: Das wären zunächst Zwei zu Einem, was in sich ruht, selbstvergessen, Traum ohne Träumer. Lethestrom. Aber ich vergesse nicht: So murmelt er mir, und wo Flüssiges murmelt, vermuten wir allgemeine Verbindung: Ewig gleich anders, so scheint solches Fluten, so ein Strömen ohne uns denkbar, so erscheint es und spricht es nicht, ohne uns. 
Doch du und ich, Quellenmund und Trinkermund, wir bewegen uns uneins zueinander in Frage. Wir bewegen uns im Rauschenden zueinander über die Zeit. Unserer Beziehung spannen sich Stromlinienformen: Wellenhäuser und ihre Wellenmauern betten den Strom neu und sie schließen und öffnen unzähligen Wellenschlägen Tor, unendlichen Möglichkeiten Stimmen. Diese Stimmen, wie sie brav zusammenspielen oder durch unsere neugebauten Zimmer tollen und an den Türen ziehen und durch die Wände brechen. Zweifelhaft bestimmt ist uns unsere Welt. Mit jeder Wellenzunge erbauen und erschließen wir den Grundriß wieder. Mit jedem Kuß trinkt, tastet unser Mund der Haut, dem Körper dem Vertrauen nach. Mit jedem Zeichen spielst, stimmst du einen Seelenton aus einer, deiner unverwechselbaren Folge. Im Glauben versteckt sich die Liebe zweifellos, mir atmet sie im Trinkrhythmus, in dem unstillbar Durstigen belebend Strom in ihren abgestimmten Säuferkehlen zirkuliert: Zweifelhaft bestimmt. 
Durst, ich schlucke stets zu wenig. Ein Trinkrhythmus, das ist Musik: Durstigen Seelen simulierter Überfluß. 
Durst, Durst, wenn ich vor Durst sterbe: Der Fließbewegung folgt kein Tropfen Wasser: Das Wasser schweigt zur Zeit, das Wellenhaus erstarrt. Verdörrtes Gemäuer, das mit der Zeit sich selbst verschlingt, mich selbst verschlingt. Darin bleibe ich ewiges Bild, bröckelndes Mauerwerk. Zweifelhaft, bestimmt. 
So also wirst du mir bewußt. Ein Tonfall. Dein Fall. Spannung pulsierender Bewegung, Drohung und Verheißung, weiter. Nehm ich dich also jetzt wahr, dann leckt vom neubeglänzten, neugewellten Flußstein meine Zunge deine Spur lebendig: Sie leckt dein Salz, schmeckt dein Blut, dein Herzschlag singt ihr, und mit dir neu erscheint die Welt. Stelle ich sie fest, diese eine Wahrheit, begehre sie mir zuliebe und halte dich in ihr eine Weile: Füge ich dir Schmerz zu? Lust? - An dieser einen Säule unseres Hauses, scheint es, findest du Gefallen. Hier treffen wir uns wieder, und wie sie immer wieder wächst, wie wir uns an ihr reiben. 
Mit dir fällt Welt. Laß uns Geburtstag feiern: In jedem Augenblick spricht sich dein Namen neu und wiederholt sich die Geburt auf weiteres. Das Datum deiner Geburt ist erinnerungswürdig: In dieser, deiner Würde, wird meine Welt.

D.9 "Die Welt ist alles, was der Fall ist." Was fällt, das soll man auch noch stoßen!" 
Wann und woher du abgesprungen bist, das liegt mir fern zu fragen: Ich folge dir, bewege mich auf dir. Ich und du. Heute fällst du mir in die Hand, warm und weich. Du streckst dich mir entgegen, legst dich offen. Deine Gänsehaut raspelt rauh meine Fingerspitzen, und ich erinnere mich wohl, wie es mir dabei ging, und ich fühle mich gut, denn dir geht es gut. Es tasten dich meine Lippen, meine Zunge. Ich atme auf dir, gleite auf dir, auf nassem Film, und ich erinnere mich wohl: Das ist ein Busen, das ist ein Bauch und das, was folgt, ist das ein Mund? Auf jeden Fall, es ist zu wenig. Immerzu, nie ist es alles. - Genug gelutscht, beschließe ich: Und ich beiße zu, ich beiß mich fest, und aus dem Zahnfleisch platzen mir die Zähne. Ich spüre meine Nackenmuskeln starr vor Kraft. Den Kiefer spür ich, ich spüre, wie ich früher dir am Leib bin und spür den Widerstand des Fleisches, das im Biß mir wächst und warm dein Blut, das mir im Gaumen quillt. Die Sehnen schlürfe ich ein, die sind mir zu elastisch. Der eine Schenkel, der mir etwas quersitzt wird geknackt. Mit Lust zermahle ich die Knochen. Als meine Nase in den Eingeweiden hängt, wischen mir die Ränder der Bauchhöhle kalt und lappig die Augenhäute blank: Du gehst mit meinen Zähnen schwanger. Und ich zerstreu mich, spiele mit den angekauten Resten. Z. B. montiere ich den Fuß, den abgerissenen, an deinen Hals und deine Hände an die Ohren. Einer der Daumen allerdings ersetzt die Nase, die ich abbiß. Ja, das kommt von dir, seltsam und fremd: Plattfüßig hüpft der Handkopf, schöne Leiche. Schade, er bewegt sich nicht. Ich würde ihn verkaufen, hielte sein Fleisch sich besser. Da ich wieder hungrig werde, fresse ich ihn schließlich auch. Du liegst mir schwer im Magen. 
Als ich den Bauch schüttel, da glaube ich noch Knochen klappern zu hören. Aber der Stuhlgang, der ist total weich. Jetzt hat dein Fall ein Ende, denke ich, und ich denke an den lieben Gott und knete was das Zeug hält. Aber mir fehlt der rechte Atem. Langweilige, sinnlose Scheiße, nur meine eigene Scheiße steigt mir in die Nase. Immerhin, eine Erinnerung bleibt mir beständig, die kau ich ewig wach. Lautlos, zeitlos sind wir vereint für immer.

4.10  Daumendruck, ein Milchbogen pulst in die Tasse, durchschießt die gespannte Haut, flüchtiger Krater. Weiße Wolken quellen vom Grund. 
"Und jetzt du." - Schwer schwimmen die Atemorgane in Schweißschwaden und sämigem Muschelgestank. Fäuste klammern das weiße Fleisch an den Boden. Der Gewehrlauf weist zwischen die gespreitzten Schenkel, in die sich die Finger tief eingraben, drückt auf das zuckende Geschlecht. Weich und lappig gibt es nach und spuckt blutige Spermanasen. Was soll das? - Jetzt wird er wohl schießen. Wir hätten sie auf die Bank binden sollen, wenn sie sich wehrt. Der rote Kopf will sich ihr vom Hals drehen, doch die Sehnen und Muskeln wollen nicht reißen, so sehr sie ihn auch herumwirft. So tackert sie Morsezeichen auf den Beton und keucht und schweigt. "Jetzt bums die Hure doch endlich, wir halten sie still." Er hält ihr das Messer an die Kehle. Sie scheint es bemerkt zu haben, sie hält still. Mein Schwanz scheint steif zu sein. Das offene Koppel schlägt mir auf den Handrücken, ein Knopf will nicht auf. Feucht zerrt meine Hand am verkeilten Glied. Ich stelle mir springende Ärsche vor, Zungen, geil in die Mundwinkel geklemmt, und willig verdrehte Augen, im Weichzeichner ganz groß. Ganz hart ist es noch nicht. Lässig lasse ich mich vorn überfallen, feder in Liegestütz, schnell drauf. Mein Unterleib schmiert über die fremde Rundung. Kurz blick ich unter mich: Die Anderen halten noch fest, und ich versuche zu zielen. Mein Hemd hat schon dunkle Ränder, Wolken von Spermageruch durchmischen meinen Achselschweiß. Ich presse die Arschbacken zusammen, versuche Bewegung. Kalt und naß, wenn die Unterleiber zusammenschmatzen, juckt es nur. Mit den schweren Stiefeln bin ich es nicht gewöhnt. Wie Charly Chaplin, denke ich, und vor den anderen ist es mir peinlich. Ihre Busen sind blutig umrandet. Ich schließe die Augen. Das Messer an ihrer Kehle, die Fäuste der Kameraden verlöschen. Ein Kiesel bohrt sich in den Handballen, mein gestreckter Arm fängt an zu vibrieren. Ihr Leib zuckt, und mir wird übel, und ich lasse mich fallen. Jetzt ist mein Hemd naß. Meine Backe glitscht über den Körper auf die Brust. Gierig sauge ich nach Luft und möchte liegenbleiben. "Die ist mir zu durch", sage ich. 
Mir ist das zu brutal, aber viele köpfen ihr Frühstücksei. Vorsichtig fiesel ich die Schalen in den Eierbecher. Es ist schlecht abgeschreckt und fast kalt. Auch das Röstebrot läßt keine Butter mehr schmelzen. Elastisch gibt die weiße Rundung dem Löffel nach, dann reißt die Haut, und der Dotter entweicht in spiegelndes Metall.

III.11  Mit dir fällt Welt, und deine Würde teilst du ihr mit. Mit dir fallen die Dinge. Stromlinienförmig ziehen wir sie dem Haus unserer Beziehung mit seinen Wänden gemeinsam ein. 
Schau diesen Apfel, den ich dir schenke. Du bist die Schönste, Helena. - Das ist ein gutes Zeichen. Du hältst ihn für eßbar. So ein Teil setzte unserem Schneewittchen jedoch übel zu. Und dieser Apfel hier? - Würmer breiten darin ihre Nester. Das liegt nicht an uns, begreifen wir. Als Zeichen der Zeit stellen wir es fest. Das Zeichen bleibt, der Apfel greifbar nicht. 
Ich beiß in einen Apfel. Solange meine Zähne den Widerstand spüren, mein Leib ihn mir verwandelt, solange er mir widerstrebt, solange bleibt er mehr als nur ein Werbeträger der Zahnpastaindustrie und mehr als ein Zeichen guter Nahrung, mir beigebrachter Wert. 
Mit dir fällt Welt und mit dir die Dinge: Um ihren Platz können wir kämpfen. Um ihre Bedeutung fürchten wir, gemeinsam. Die Dinge fürchten nichts. Sie entfliehen. Oder sie bleiben, bis sie uns endlich haben, wir vergessen sind. Ohne uns wollen sie nichts, sie fragen nichts und sie versprechen nichts ohne uns. So haben wir uns geeinigt. Allein, sie widerstreben, darin sind sie uns fremd. Und wir bemächtigen uns ihrer, im Guten oder im Bösen, auch darin sind wir uns einig. Du oder ich, wertend bauen wir sie unserer Beziehung ein: So können sie sich zu Gefängnismauern türmen, todsicher, und mit ihnen erstarrt die Zeit und wird bezahlbar, zählbar, Geld. Wenn hier was einfällt, dann sind es Katastrophen. So rechnet sich die Computerwelt die Zukunft sicher: Und gibt ihr Unvermögen schließlich zu. 
Wir haben uns auf einen Kompromiß geeinigt: Es war ein Zufall, dieser Apfel, der auf meinem Kopf zerschellte, und Schwerkraft, wie Newton einmal fand. Und an dem Einen halten wir fest: Ein Nashorn ist es nicht, wovon wir sprechen. So bleibt dies dir und mir auch in der Erinnerung ein Apfel: Der Apfel, der damals fiel, Teil der Geschichte, Teil deiner Würde. Doch wie oft schmeckte nicht ein ganz bestimmter Apfel im Nachhinein ganz anders? 
5.12  Das Balg im Nebenraum hört nicht auf zu plärren. Prall glänzt mein Glied in der Funzel, sein Fischduft schwängert den Raum. Das kommt stark. Das ist jetzt meine, ich ziehe den Schlappschwanz herunter. So macht man das, und ich stoße die Luft. "Laßt los!". Die anderen lachen verständig auf, die macht keine Zicken mehr. Ich schleuder den schlaffen Körper mit der Hüfte untergehaktem Fuß auf den Bauch. Sie scheint trockenzuschwimmen im Reflex. Ihre roten Paddeln trete ich auseinander, bring sie in Positur und stelle mich zwischen die Beingrätsche. Ich packe sie an den Lenden und heb sie und schieb sie mir auf. Mit den Unterarmen klemme ich ihre blutverschmierten Schenkel fest. Das ist ein griffiger Hintern. Das geht warm rein und flutscht, obwohl die Furche fast ein wenig eng ist. Das Kopfpendel zwischen den fallenden Armen schlägt mir den Takt. Mit jedem Stoß laß ich ihn auf den Boden bumsen. Mit der Hüfte treibe ich sie vor mir her an die Wand. Ich quetsche ihr Gesicht in die Bodenkante. Erst verdreht sie sich, und es drückt mir fast den Schwanz ab, doch ist jetzt der Widerstand größer, das Geschiebe geht mir weniger in die Arme, und die Balance fällt mir leichter, ich kann nicht mehr kippen so. Augen zu und absamen, bevor mir die Puste ausgeht. Ich haue voll rein, wie eine Maschine, und ihre wippenden Beine werden mir Schwunggewichte. 
"Du fickst die noch tot, die ist ja schon tot, wir sollen die doch nicht töten!" sagt das Arschloch da. Ich stoße sie ab, und sie fällt wie ein nasser Sack. "Na und, die sagt sowieso nichts," sage ich. Außerdem, die bewegt sich doch noch!" sage ich. Die kotzt mich an, schafft die raus, und spritzt ihr die Fotze aus!" schreie ich und trete das Miststück. Und holt die Kleine und stopft dem plärrenden Balg drüben das verdammte Maul."

IV.13 Ich bin Sehen, denn wäre ich Riechen. "Du bist blind, blind geboren", das ist es, was ihr mir sagt. Ihr. - Was ist Sehen, frage ich, und ich rieche: Euren Geruch, meinen Geruch, und ich fühle: Meine Haut, deine Haut, und ich spüre eure Bewegung und schmecke zweimal: Und höre mich sagen: Euch. Riechen, Fühlen, Schmecken, Hören, alles soll Sehen ähnlich sein? - Was ist Sehen?: Ich sehe dich nicht und ich sehe mich nicht. Da es Sehen geben soll und es Euch gibt, bin ich wohl Sehen: Lichtbild und Augenblick. Beides gleichzeitig. 
Sehen: Das Wort am Anfang. Im Prinzip mein Gott, der, der er ist. Alles, oder? Damit wäre ich glücklich. Aber ihr sagt, das sei doch nicht wahr, ich sage die Unwahrheit, behauptet ihr. Und eure Finger bohren neben meiner Nase: "Damit sehen wir", sagt ihr. "Du bist nur blind." Nur blind, echot es in mir, und es schreit: "Sehen", schreit es, "ich will auch sehen, ich will ohne Augen nicht leben!" 
Und ihr pflanzt mir Augen ein und nehmt mir die Binde ab. Offenbarung: Ich höre Rauschen. Nur noch dröhnendes Rauschen, Schmerzrausch. Weiß? Neben meiner Nase schmecke ich es, es schmeckt nach Feuer. Ich stoße die Daumen hinein, in diese verdammten Äpfel. Ich reiße sie heraus, bevor ich in sie stürze. - Sehen. Da nehme ich nichts wahr. Darin bin ich, darin bist du, die ganze Welt ist darin, ungeboren. 
Ich bin blind, ich bin Sehen.

00.14  Natürlich wäre das der Punkt aufzuhören. Aber ich stelle sie wieder vor die laufende Kamera: Sie schweigt weiter, von ihr haben wir nichts erfahren. Sie birgt ihr Gesicht unter den Händen, deckt seine Blöße, als sei seiner Scham das schätzende Schild mit der Sprache geraubt worden. Aber wir sind hier, um etwas von ihr zu erfahren, wir wollen was hören, sie soll den Mund aufmachen, schließlich ist sie auch eine von denen, wir haben doch nicht umsonst gesucht! 
Nun gut. War sie glücklich mit ihrem Mann, wollte sie mehr Kinder, ein größeres Haus? War ihr die Arbeit zuviel? Fügte sie sich gern ein, oder träumte sie vom Ausbruch? So fragen wir und suchen nach Spuren und ahnen einen Mund, der schimpfte, küßte, gerne klatschte, mit seinen Lachfalten und seinen bitteren Falten, Falten, die nun tote Lippen rahmen, Ihre Augen, die leuchten müßten im Zorn, ahnen wir, sind ausgetretene Lichter und ausgelöschte Züge, die ihr Spiel verloren haben, ahnen wir. Denn unter den Händen, das ist der müde Schimmer einer Totenwache. Unter den nackten Händen, die jede Antwort auf unsere Fragen verweigern, am Körper zu halten versuchen, die Antwort, in der ihr die Seele zerspränge, die Antwort in unserer Sprache. Was ihr getan wurde, wissen wir gut, soweit verstehen wir es bestens. Aber wir sind hier, um mehr zu erfahren, wir wollen es hören, wir wollen es alles sehen, wir wollen bewegt werden. So halte ich mit laufender Kamera auf sie, und vor laufender Kamera lasse ich sie stehen. Sie rührt sich nicht. Und schweigt.

im Jahre 1993