HOMAS FRISCH

 


 

Nächtlicher Ritus

 

die nüstern der nacht über den plätzen der stadt, überm niemandsland und stählernen brücken, solche nacht macht blind und sehnsuchtsvoll; sich zu füllen mit bildern. niemand erzählt, wie er die nächte verbringt, in ziellosem wandern oder traumlosem schlaf. und aberwitzig voller regeln bleibt das spiel allemal, wenn badrillas gehandelt würden, sagen wir zu fünfzig francs das stück, zu albern, an den tagen danach, wenn der aufruhr sich gelegt hätte, die kalkweißen wände der arenen längst verlassen brütend im licht lägen, wenn diese aber blutverklebt und buntbehangen mit papiernen schleifen zum zeichen einer anderen macht würden, dem kampf der ungleichen, blutiges spiel der nächte zwischen fleisch und intellekt, lackschwarzes tuch, das uns im drohenden tod einen so sehr noch kurzen augenblick der unsterblichkeit verspräche, die qual der tage nämlich unter träumen zu begraben.

diese nacht ist pyromanisch und verbrennt sich an stählernen trassen und wegen, den ufern der städte, ein loderndes schleifen. und der körper wird längst zu deutlich unter solchen konturen, ein fanal nämlich von haut und schwererem atmen, und jede frage, jeder auch noch so zufällige blick, zielt nur auf niedergehaltene ängste. noch in den schächten der stadt aber beugt meine bewegung sich gerne dem schräg buhlenden blick eines schönen passanten, wenn die u-bahn rasselnd, eine wie flüchtige bedrängung zu zeigen, den körper besteigt, der wunsch sich zu nähern noch ungeschlachte worte zeitigt und ein zeichen der zuneigung, nur meine zustimmung sucht: nur einmal lag die straße so offen und wie ein glatter junger körper vor mir, schweißige lenden, eine frau, und das licht schamlippenrot darin, wie neon. über ihr aber hielt die nacht still, und faustgroß klaffte die wunde im speck, blitzend, lesbische lichter. diese stadt ist chromweiß in mir, ein lichttrog, so weicher muskel unterm zottigen fell der sterne!

überall ist carneval, die nacht zersplittert in tausend fragmente, und nur flüchtig greift sich ein spiegelbild als semantik von graffitis, so grauenhaft zwanglos, in vorüberhastenden bildern, bevor es völlig zerbricht, bevor in jedem element das ganze universum sichtbar wird, die stadt unter ihr ein fraktaler raum der sehnsucht bleibt. schon unterm walkman aber wird alles theater, jede regung kindhaft isoliert in einem uterus von musik: dunkle wörter wie dwarf and swamp, diese sprache legt sich, wo zwerge ihre pferde begraben am straßenrand und unlängst zu schmutzig aus den gruben sich vor regen verbergen in schwankende karossen, rollende räder, wie runenhaft unter die haut als bizarrste tatouagen, und es ist ein wohlgefühl, durchaus, leise erregung, wie hanf, die wunderbare unschlüssigkeit belässt, und der körper bleibt schwer, die hüften und waden nur ein dumpfes pulsieren bei jedem schritt, wenn die narbe des lichts vom körper genommen ist, der himmel sternlos nur als schwarzer fels endlich über uns läge!

meine haut aber wird zur leinwand, wenn die farben der nacht fließend bleiben, wenn wie gouachen sie sich dem Muskelverlauf angleichen wollen, dem knochenbau, der körper zu paläozoischen ebenen gerät, die haut aber eine bahn von drachen und wunden wird, jedes zeichen noch blutige wunscherfüllung, die keiner mehr raube, und endlich zu magischem besingen der städte, ihrem unförmig sich wälzenden raum, in facetten schon, japanischen ornamenten, eine ins fleisch gegrabene sprache von zeichen und schweiß bleibt, dann ragt das ego unter ihr endlich als rituelle totenmaske. doch der körper bleibt fleisch, ein rosenhafter geist liegt in allen schädeln, und der tod in den straßen wird ihm ein schönes tier mit perlmuttnem penis, weltgewandt, ganz maul und vernichtung, so sehr ein ölhafter schlaf, in dem man zuweilen noch bis auf den grund des eignen ekels tauche und keine fragen mehr stellen mag, wo die farbe der tage nämlich sich, nicht erhellend verklärt, über alles zu stülpen droht, die dinge aber jede erinnerung, nur das eigne mißlingen tragen und abstossend bleiben unter dem nüchternen blick.

und hätte ich als kind noch mit wunden augen diese hörner betrachtet, das schwarze fell und die sich abzeichende atmung unter den flanken, mein becken dann zaghaft vielleicht nach vorn geschoben, längst zu ungelenk in proben die arme in hohem bogen durch die luft führend, stolz aber und verächtlich in aller phantasie, dann würde ich die hoden der nacht noch wohlgarniert in die auslagen der häuser wünschen. und die pailletten meines kostüms blitzten schon in der sonne, wüsten haft allemal, staubgetränkt, einer sonderbaren fruchtbarkeit nachzulauern, schönem tier, solch unerklärlicher wut, die sich in die mauern des labyrinths verrenne und erschöpft noch weiteräse am morgen, nach solcher corrida, dann hingestreckt liegt in den höfen, den weißen lichtgott anzuglotzen.

 


 

THOMAS FRISCH