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KRISTIAN E. KÜHN 

 

Not fade away

 

 

 

 

I

Also ich sitze am Schreibtisch, rechts im Hintergrund liegt, für mich gut im Blickfeld, meine Frau auf dem Sofa (von uns „Nilpferd“ genannt, weil es ledern, üppig und dunkel ist). Sie scheint zu schlafen, derweil der kleine Fernseher, für mich links im Hintergrund, läuft (das Entertain-Comfort-Programm der Telekom ist noch nicht installiert): Meine Jungs, die schnappen sich die Schweinehunde! 13 Tage am Abgrund, wer weiß, ob die Welt so bleibt, wie sie zu sein scheint? Eins, zwei, drei – ! Krachendes Metall, spritzendes Blut, Kreischen, aufbrausende Musik.

 

„Jede Lust“, lese ich bei Platon im Phaidon (83 D), „und jeder Schmerz trägt gleichsam einen Nagel mit sich, mit dem sie die Seele an den Leib nagelt, sie daran festhalten lässt und leibartig macht, so dass sie die Meinung fasst, nur das sei wahr, was auch der Leib dafür ausgibt.“

 

Ich weiß noch nicht, ob ich gegen diesen Jingle, der das Nachtprogramm anpreist, und die anschließende Werbung, Herr Berg, irgendetwas stimmt mit Hasi nicht, anschreiben kann. Ich weiß es nicht. Außerdem geht von dir gerade eine wahnsinnig starke negative Energie aus, schreit die Schlampe im sich anschließenden Comedy-Format zu mir herüber. Ich hab noch eine letzte Frage an dich, fragt sie leiser. Ja, sagt der Mann. Also, sagt sie, glaubst du, dass ich dir noch einmal verzeihen werde? Ja, antwortet er. Da liegst du aber falsch, beginnt die Schlampe wieder die Stimme zu heben. Bis sie dem Tölpel leise verzie- hen und die letzte Fangfrage gestellt hat, (endlich mal ‘ne richtige Antwort!) denke ich nicht mehr darüber nach, ob ich gegen das Programm anschreiben soll, derweil ich mir die Ohren zuhalte, der Impuls ebbt ab, ich falle auf das tägliche Niveau zurück, entweder Computerspiel (Drachenzeit, ich rette die Welt) oder ins Netz und ein bisschen herum sur- fen. Ich beginne mit „Drachenzeit“, ich drücke auf „Spielen“, schon setzt die Musik ein, mit getragener Frauenstimme, episch, ein bisschen Fado. Immerhin hat der Schurke aus dem Orkus uns ja die Heimat versagt, meine Eltern gemordet und mich für immer der Burg ent- sagen lassen. Verrat überall. Doch dann heißt es mit einem elektronischen „Bling“: Disc nicht gefunden! Bitte einschieben und erneut versuchen. Ich verzichte darauf, mich an Morrigan zu messen, die auf Befehl ihrer Mutter gestern sich widerwillig meiner kleinen Gruppe angeschlossen hat, bestehend aus Leliana, Stufe 7, und Alistair, dem Feind der Magie. Obwohl Morrigan anziehend ist in ihrer gescheckten Nahkampfhose, eine knappe Weste ziert ihre Büste bis zum Bauchnabel, lockend, struppig brünettes Haar, aber ich ver- zichte auf ihre Launen, auf ihre Magiefähigkeiten.

 

Ich gehe gleich ins Netz.

 

„Ich würde gerne etwas trinken“, sagt meine Frau, die aufgewacht ist und den Fernseher etwas lauter dreht. Noch bevor ich „Katzenkampf“ in die Suchmaschine getippt habe, stehe ich auf und nehme ein abgestelltes, benutztes Glas von der Spüle in der Küche, wasche es mit Leitungswasser und zwei Fingern ab, gieße Grapefruitsaft hinein und drücke es ihr in

 

 

 

 
 
 

 

 

      

 

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die Hand. Sie kommt aus ihrer Liegeposition hoch, greift nach dem Glas, bedankt sich und trinkt.

 

Ich schaue mir die Google-Angebote für Katzenkampf an. Zunächst ein stümperhaftes Gerangel von zwei Cheerleaderinnen, die wild aneinander zerren, versuchen zu kratzen, der Nebenbuhlerin die Kleider vom Leibe zu reißen, die wanken, dann in eine Pfütze rollen, sich dort verdreckt und klammernd ineinander keilen. Langweilig denke ich.

 

Ich find’s auch schön, dich zu sehen, sagt sie im Fernseher. Wollen wir dann gleich in ein Hotel gehen, fragt er. Kann ich nicht, sagt sie spöttisch, ich heirate, du Blödmann, weil du nicht erwachsen wirst, weil eine Beziehung nicht nur aus Sex besteht, aber du wirst dich nie ändern. Und wenn doch? Würdest du dann immer noch diesen Clown heiraten? Beau ist kein Clown.

 

II

Ich bin schon auf der Webseite „Ultimative Unterwerfung“ angelangt: Frauen, anfangs in farbigen Slips und BHs, bis eine die andere mit einer Beinschere oder einem Grapevine- Griff unterwirft, (so dass die Vagina der Verliererin frei liegen wird, weil ihre Beine ausein- andergespreizt werden,) sie erniedrigt und im vierten Teil nach der Siegerehrung mit vier Fingern der Hand und einem kräftigen Dildo schändet. Was heißt schändet, sie muss den Plastikschwanz lutschen, was ich idiotisch finde, die Stärkere reitet auf der Unterlegenen und klatscht ihr auf den von Handspuren geröteten Po. Sie greift ihr mit beiden Händen von hinten in den Mund und zieht ihr die Lippen in die Breite. Alles Show, denke ich und betrachte misstrauisch das übertrieben verzerrte Gesicht der Gepeinigten. Obwohl ich diese Schlacht ganz gerne sehe, diese unweibliche russische Blondine mit den Tätowierungen, völlig überlegen der drallen, fast bewegungslos geilen Amerikanerin. Trisha Nicholls. Gewiss, sie ist voller Silikon, aufgepimpt und abgewaschen durch tausend Pornoschwänze. Aber sie hat diese verführerischen Kuhaugen, diesen leichten Schweißfilm auf dem gerade vorher noch gebadeten, eingecremten, plumpen Fleisch. Sie wienern, diese Amerikanerinnen und kauen ein Kaugummi und denken an Dollars. Die Registrierkasse rattert in ihren ach so geilen Augen wie irdener Klebstoff. Ich werde versu- chen, denke ich, irgendwo umsonst den ganzen Kampf herunterzuladen, wie sie zerlegt wird, diese Amerikanerin, entkräftet, und nicht nur dieses Getue hier im Trailer noch ein- mal ansehen.

 

Trisha Nicholls gebe ich ein. Melde dich kostenlos, heißt es da auf den Webseiten. Aber wenn man sich den Kampf ansehen soll, muss man ihn herunterladen, was ich nicht tue, könnte mir ja einen Virus einhandeln.

 

Wenn das noch einmal passiert, schimpft die zickige Amerikanerin im Fernseher, schnei- de ich dir etwas ab. Und du kannst mir glauben, es wird nicht dein angefangener Satz sein! Bitte nicht, stammelt der ältliche Mann.

 

Suche den ganzen Kampf, denke ich. Vielleicht sollte ich auf dieses andere Opfer über- gehen, diese Latina Sanchez, weil sie so jault gegen diese drahtige Serbin mit dem netten Gesicht. Weil sie so gerieben aufstöhnt, wie es keine Schauspielerin schafft, gequält, gekränkt und lüstern, wenn die Russin sie mit den Fingern von hinten penetriert.

 

 

 

 
 
 

 

 

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Nimm deine zwei IQ-Punkte und reib sie aneinander, wehrt sich im Fernseher der glatz- köpfige Alte. Haben Sie Eddies Medizin dabei? Geben Sie her, ich mische es unter Eddies Futter, sagt die kesse amerikanische Haushälterin.

 

Ich finde den kompletten Kampf der Russin gegen Trisha Nicholls, den ich schon mal gesehen habe, nicht. Nur ein paar Fotos, wie sie gelegt wird und plumpst. Ich überlege, ob ich nicht lieber auf YouTube ein bisschen Musik hören sollte, lande aber auf der Netzseite Nacktschlacht.

 

Nein, nein – du bist ein Produkt meiner Einbildung. Das kann nicht sein – du existiert nicht, dröhnt es aus dem Fernseher.

 

He he, nicht gleich persönlich werden. Lass uns jetzt gehen. Nein, nein. Lass mich in Ruhe. Jetzt weiß ich’s: du bist der Weihnachtsmann!

 

Nacktschlacht, die kenne ich schon. Amerikanische Männer, gut gebaut, manche schwach, manche Rabauken, alle aber sauber und beschnitten, im Zweikampf, ringen sich zu Boden, versuchen, sich gegenseitig die Badehosen (Terminus technicus ist Spandex Shorts) herunter zu ziehen, oder später den Jock (umgangssprachlich für Masturbation, aber auch ein bei sportlichen Aktivitäten zum Hodenschutz getragenes Suspensorium) über den Kopf zu ziehen, dass er dort zerreißt und der Gegner nackt ist, klopfen sich auf den durchtrainierten Bauch, auf den Hintern, ihre Penisse halb erigiert. Dann öffnet der Jadedrache dem Schwarzen John den Hintern, spitzelt die schlangenartige Zunge heraus und sticht mit ihr rhythmisch und schnell hinein. Angewidert beende ich mein kurzes Unternehmen Kampf um die Männlichkeit.

 

Doch gebe ich nicht auf. Derweil es im Fernseher heißt: heute die Nacht auf den Kopf gestellt, neue Wege, nur keine Angst!, habe ich bei Kamera2Kamera Zuflucht genommen. Und ich fühle mich verunsichert, weil ich mich beobachtet fühle – von den Augen der reflex- artig in die Kamera lächelnden kleinen Kimmy. Kimmy, ein liebes, braves Gesicht, kommt auf mich zu. Höchstens vierzehn, denke ich, freibaumelnde riesige Brüste, ihr kindlicher Ausdruck, nur die Knospen verdeckt, denke ich, und sie lächelt, kommt auf mich zu, denke ich, und sagt mit piepsiger Stimme: „Yes I will.“ Mir wird schlecht, ich verlasse das Netz und gehe fluchtartig auf den Balkon.

 

III

Nachdem ich dem Mond zugesehen habe, wie er hinter einer Wolke verschwindet, kehre ich an den Computer zurück. meine Frau scheint eingeschlafen zu sein. Ich gehe auf Kimmys Privatseite, um ihr Alter zu überprüfen. Über mich, steht da. Ich bin ein kleines Mädchen, steht da, mit sehr, sehr engen Öffnungen, und sie gehören alle dir! Was mich anmacht, steht da. Ich habe wirklich Gefallen daran, wenn mir jemand Komplimente macht. Und da – was sie anwidert: sie mag keine Rüpel! Und da – ihre Daten: Größe zwischen 163 und 175 cm. Ihr Gewicht variiert von 46 zu 52 Kilo. Wie kann das sein? Und da steht doch: ihre Brustgröße sei normal. Nun, wenn das normal ist, denke ich hektisch. Ihre Haarfarbe blond, meinetwegen, ihre Haarlänge schulterlang. Ich weiß nicht. Sind da Daten vertauscht wor- den? Augenfarbe: grün? Stimmt wenigstens das? Ich weiß nicht. Figur normal, Rasse weiß. Ihr Monitorname: Kimmy. Stimmt, denke ich. Und da – ihr Alter: 20. Dass ich nicht lache!

 

 

 

 
 
 

 

 

KRISTIAN E. KÜHN

 

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Geschlecht weiblich, beruhigend. Sexuelle Vorliebe: Bi-sexuell. Das schreiben sie alle, denke ich. Wahrscheinlich eine vierzehnjährige Russin, gefangen in diesem Käfig, den sie Schauraum nennen. Sprachen: englisch, amerikanisch und – siehe da – russisch. Ihre Angebote: Tanz, Dildo, Echtzeit-Orgasmus, Lange Fingernägel, Öl, Rollenspiele, Rauchen, Schnappschuss,  Abspritzen,  Striptease, Zoom.

 

Zoom, denke ich. Das war ein Zoom, ganz nah zu mir heran. Ich traue mich nicht, noch einmal bei Kimmy einzukehren. Ich verlasse ihr Profil und werfe einen Panoramablick auf das Gesamtangebot. Ich lese etwas von Krediten. Zum Beispiel kostet die Kamera, dass die Darstellerin auch mich sieht, 1.99 Kredite pro Minute. Ich lese, Sublim ist wieder da. Ich denke, sublim, na, warum nicht, und trete ein. Ich lese, mein Spitz, wohl Spitzname, ist bei Sublim Gast 3. Aha, denke ich, Sublim hat im Moment nur drei Gäste. Ich verlasse Sublim, um nicht angesprochen zu werden, und lese etwas von 30 Krediten, um mit der Darstellerin allein zu sein, pro Minute natürlich. Ich werde aufgefordert, mir einen Benutzernamen auszudenken, die Andern nennen sich etwa Schnellhartficker oder Nassdienstler, so war es zumindest gerade bei Sublim. Dann soll ich ein Passwort einge- ben und mich hier, da, einloggen. Ich zögere. Passwort vergessen?, heißt es schon. Ich soll die Vorzüge der Echtsituation genießen und mitmachen. Als die Maschinerie merkt, dass ich nur glotze und nichts unternehme, heißt es freundlich: Flirte los, rede mit deiner Darstellerin für umsonst. Und dann nutze die kostenlose Kamera2Kamera-Option während der Privatsitzung.

 

Ich kehre zu Sublim zurück. Sie ist ein ziemlich dümmliches, stures etwas, trägt ein T-Shirt und einen Slip. Stur blickt sie rechts an der Kamera vorbei, vielleicht steht dort ihr Zuhälter, fällt mir ein. Sie bewegt sich nicht. Anfangs ist nicht einmal ihr Gesicht im Bild. Es ist ausgespart, sie selbst, vielleicht ihr Zuhälter, bedient die Kamera. Optisch tut sich nichts, aber die Gäste schreiben ihre Texte zur Ansicht für alle, sie flattern wie Fließtext dahin, und wollen Sublim animieren.

 

Ich bin ein Kätzchen, heißt es auf ihrem Profil, ich bin ein Tiger. Behalt das im Auge – denn ich mag die Dinge ein bisschen rau. Und du solltest das nicht ablehnen! Ihre Brüste, steht da, sind groß, doch unter dem T-Shirt wirken sie eher klein, fast winzig. Weil sich nichts tut, Sublim zu einer Art Standbild eingefroren ist, verlasse ich sie. Meine Seele sucht Bewegung. Und ich werfe einen Blick auf LiLiHeißZehn, einen weiteren Blick auf LutscherLady, einen auf BlumenPipi, einen auf BioPippi, auf Pussykatzengespritztes, einen auf Kleiner Stinker, auf Lutscherengel, Unschuldspuppe, Annaspritzt, auf Bleistiftschwarz, Sexykörper, HartwieKruppstahl. Nur zu Kimmy kehre ich nicht zurück

 

IV

Meine Frau reckt sich von der Couch und ist vom Fernsehen, durch ein lautes Geräusch, aufgewacht. Hast du noch eine Zigarette, fragt sie. Klickt mit ihrem Feuerzeug, das kein Benzin mehr hat, in der Luft herum. Gerade als die Latina, deren Busen so spannt, sich auf- richtet, kommt auch sie hoch und will Zigarette und Feuer. Gerade als die Latina nach der Rose greift und damit ihrer Partnerin über die offene Vagina streichen will, da muss ich Schluss machen, in die Hose greifen nach der Zigarettenschachtel, und auch als ich wieder zurück bin vor dem Computer, geht es nicht weiter – die Batterien meiner drahtlosen Maus sind fast leer, heißt es auf dem Warnhinweis.

 

 

 

 
 
 

 

 

KRISTIAN E. KÜHN

 

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Meine Frau fragt zu allem Überdruss, rauchend: „Wann bekommst du wieder mal Geld?“

 

Mein Kopf schwebt noch im Nirgendwo der Hormone. Da entdecke ich an der Latina den Ehering.

 

Bitte  in Hündchenstellung!

Gast18 (dazwischen): Emma, bist du da? Latina: Also los pvt mein Lieber.

Liebes, zeig mir deinen Nabel!

Latina: Ich möchte nicht als Hure behandelt werden. Pvt einloge leg ein Kredit! Reibe sie

Latina: Sehr nett. Reib die Pussy!!

Gast 10 (dazwischen:) Uffne Pusy -

Latina: Lass uns Freude haben ganz Privat.

 

Noch bevor die Batterien den Geist aufgegeben haben, wechsle ich zu YouTube, um den Abend ausklingen zu lassen, und höre mir einmal mehr „Not fade away“ an, nicht von Bo Diddley, nicht den Rolling Stones, nicht von der durchgeknallt wackelnden Patti Smith, inter- pretiert vom noch sehr jungen Bruce Springsteen: Schwarzweiße Aufnahme, ekstatische Trommler, keine weiteren Instrumente, immer nur der Grundrhythmus. Endlich der irre Blick des aufgeheizten, hungrigen, manisch Fordernden, in der Maske des Gottes. Seine hoch- gezogene  Augenbraue,  sein Silberblick:

 

I wanna tell you how it’s gonna be You’re gonna give your love to me Love that lasts more than one day Well love is love and not fade away Well love is love and not fade away

 

Schon rutscht er auf den Bühnenboden, kniend, die elektrische Gitarre blankgezogen, spielt und kreischt von Angesicht zu Angesicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 
 

 

 


 

KRISTIAN E. KÜHN