Ulrich Schäfer-Newiger

 

 

    

                                                       Zum 10. Todestag von W.G. Sebald am 14. Dezember 2011

W.G.Sebald. Austerlitz. Ich.

 

 

I
Anno 2007 im März habe ich ohne erinnerten Anlass in einem Münchner Buchladen, von dem ich nicht einmal mehr weiß, welcher es war, ein Buch gekauft. Ich nahm es von einem entlegene- ren Bücherstapel und bezahlte es an der Kasse, ohne überhaupt hineingesehen zu haben, so dass ich keinerlei Kenntnis hatte von dem mir sonst immer wichtigen ersten Satz noch von den in den Text hinein verstreuten schwarz-weißen Fotos. Der Name des Autors, den ich irgendwo schon einmal gehört hatte, den Zusammenhang aber hatte ich vergessen, sagte mir nichts und was er schrieb, davon hatte ich keinerlei Vorstellung. Auch der Titel „Die Ringe des Saturn“ ließ mich an nichts denken.

Selten ist es indessen nicht, dass ich Bücher ohne jegliche Kenntnis des Autors oder des Inhaltes kaufe. Geleitet bin ich dabei von einer mir bis heute unbekannt gebliebenen und unbe- greiflichen Intuition oder Macht oder Fügung. Zum Beispiel bin ich auf diese irrationale Weise zuletzt gestoßen auf die wunderbar herbe Lyrikerin Kathrin Schmidt, oder zuvor auch auf Anna Achmatova. Auf das Werk des genialisch- absonderlichen Hanns Henny Jahnn – dem ich zeitweilig regelrecht verfallen gewesen bin - bin ich überhaupt nur aufmerksam geworden, weil eine Tante von mir vor Jahrzehnten gewohnt hat im  Hans-Henny-Jahnn-Weg  in Hamburg.

‚Die Ringe des Saturn‘ des mir bis dahin unbekannt gewesenen W. G. Sebald habe ich gelesen an einem Stück, unterbrochen nur durch die tägliche Erwerbsarbeit, Essen und Schlafen. Schon auf der ersten Seite bin ich ergriffen wor- den von einer zunächst kaum merklichen, dann immer stärker werdenden Kraft, oder besser von einem Sog. Denn ich fühlte mich immer tiefer hin- ein- und hinabgezogen in ein mir bis dahin unbe- kanntes gedankliches Sprachenland, in einen mir bis dahin unbewusst gewesenen, tatsächlich in meinem Innersten aber längst zerstörerisch wir- kenden Gefühls- und Geisteszustand, in eine
fahle, graue englische, verfallende Landschaft. Erst allmählich habe ich einen Begriff davon bekommen, wodurch dieser (nämlich mein Gefühls- und Geisteszustand) im Text jenes Sebald ihren idealen Ausdruck gefunden haben: Durch den traurig-altertümelnden, gehobenen, alltagsfernen Sprachstil und durch die Manie, in jeder Veränderung Verfall zu sehen und ihn in extenso lustvoll zu beschreiben und mit ihm die unwahrscheinlichsten und entferntesten persönli- chen und geschichtlichen Ereignisse und Begebenheiten  zu verknüpfen.

Befremdend, dadurch interessant und zugleich eigenartig spannend wird der Sprach- stil Sebalds durch die aus dem englischen Satzbau übernommene Eigenart, das Verb nach vorne zu ziehen. Zur Beurteilung dieser bei Sebald zum Teil zur Manie werdenden und ihm vorgeworfenen angeblich falschen Handhabung des Deutschen (vor der sich der Autor dieser Zeilen erkennbar selbst nicht vollständig zu schützen weiß) sei aus dem Gedächtnis ein hervorragender Kenner der deutschen Sprach zitiert: „Und“, wurde Mark Twain nach seiner Deutschlandreise gefragte, „haben Sie auch Hegel auf Deutsch gelesen?“ Antwort: „Ja, viele Bände. Aber ich kann bislang nichts dazu sagen, denn ich warte immer noch auf das Verb.“

Mehr noch als diese sprachlichen Sonder- heiten und Wendungen machten mich süchtig die mit dieser Sprache gezeichneten Bilder des Niedergangs und Verfalls. Das beginnt mit scheinbar so harmlosen Sätzen wie: „Unweit der Küste zwischen Southwold und der Ortschaft Walberswick führt eine schmale eiserne Brücke über den Blyth, auf dem vor Zeiten einmal schwere Wollschiffe seewärts gegangen sind. Heute gibt es so gut wie keinen Verkehr mehr auf dem weitgehend versandeten Fluss.“ Das schöne Niederziehen des Lesers wird fortgesetzt und verstärkt mit Beschreibungen wie: „Dunwich mit seinen Türmen und vielen tausend Seelen ist aufgelöst in Wasser, Sand und Kies und dünne Luft. Wenn man vom dem Grasplatz über dem Meer hinausblickt in die Richtung, wo die Stadt einst gewesen sein muß, dann spürt man den gewaltigen Sog der Leere.“

Solche Sätze nahm ich auf in mich wie ein Schwamm, ohne zunächst auch nur zu ahnen, warum. Nahezu in jedem Ort des vom Autor durchwanderten englischen Landstriches findet er solche gedanklichen Verbindungen und Spuren der vergangenen und vergehenden Vergangenheit, seien es (um nur drei Beispiele zu nennen) Hinweise auf Josef Conrad, der in einem dieser Orte seinen Fuß erstmals auf englischen Boden setzte oder im Zusammenhang mit ihm Roger Casement, der bekanntlich gehenkt wurde im Londoner Tower im Jahre 1916 wegen Hochverrats, seien es Beschreibungen der schier unerschöpflichen Heringsernte noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, von der nunmehr nur noch ein kläglicher Rest oder nichts mehr übrig geblieben ist. Keinem aber ist auch eine traurigere Beschreibung der Allgäuer Berggegend wider die übliche Postkartenidylle gelungen mit Sätzen wie: „Eine dunkle, ins Schwarzfarbene übergehende Wolkendecke lag über dem ganzen Tannheimer Tal, das einen niedergedrückten, lichtlosen und gottverlassenen Eindruck  machte.“

Sebald versucht, seine Berichte aus den von ihm durchwanderten oder durchfahrenen Landschaften mit eher undeutlichen und unscharfen schwarz-weiß Bildern, gelegentlichen Zeichnungen und Skizzen z.B. diverser Festungsbauten gleichsam zu beglaubigen. Sie ergänzen den Text, der Leser nickt, ja, sagt er sich, da ist, über was geschrieben wird, ja abgebildet. Die Fotos scheinen allesamt älter zu sein, als sie sind. So gewinnt die Behauptung des Verfalls einerseits den Charakter des dokumentarischen, des Glaubwürdigen. Anderseits – und das ist der tiefere Sinn der Verwendung dieses Mediums – rührt einem, schreibt Sebald,an fotografischen Bildern „das eigenartig jenseitige, das uns manchmal anweht aus ihnen.
…. Und weil das Abbild noch fortdauerte, wenn das Abgebildete längst vergangen war, so lag auch die ungute Ahnung nicht fern, daß dem Abgebildeten, den Menschen und der Natur, ein geringerer Grad von Authentizität eigne als der Kopie, dass die Kopie das Original aushöhle, wie es auch heißt, daß einer, der seinem Doppel-
gänger begegnet, sich selber vernichtet fühlt.“ Die Verwendung der Fotografien soll gleichsam den „Schrecken der sukzessiven Derealisierung“ (Sebald) des Gelesenen oder des Geschauten vergegenwärtigen. Wir beginnen zu ahnen, woher die Wendung „zu Tode fotografiert“ ihren Anfang genommen hat.

Die Enttäuschung über das Ende dieses meine Gefühlslage auf eigenartige, mir zunächst selbst nicht klar werdenden Weise unablässig bestätigenden Buches wurde getröstet dadurch, dass ich, nachdem ich den letzten Satz gelesen hatte ( „…in Holland sei es zu seiner Zeit Sitte gewesen, im Hause eines Verstorbenen alle Spiegel und alle Bilder, auf denen Landschaften, Menschen oder Früchte der Felder zu sehen waren, mit seidenem Trauerflor zu verhängen, damit nicht die den Körper verlassende Seele auf ihrer letzten Reise abgelenkt würde, sei es durch ihren eigenen Anblick, sei es durch den ihrer bald auf immer verlorenen Heimat“), ich ohne jegliche Unterbrechung fortgefahren bin mit dem Lesen und zwar wieder des ersten Satzes des Buches („Im August 1992, als die Hundstage ihrem Ende zugingen, machte ich mich auf eine Fußreise durch die ostenglische Grafschaft Suffolk in der Hoffnung, der nach dem Abschluss einer größeren Arbeit in mir sich ausbreitenden Leere ent- kommen zu können.“) und so weiterlesend mich zum zweiten Mal hineinfügte, um alles Gelesene noch einmal und wieder neu und noch intensiver zu durchleben.

Kurz nach Beginn der zweiten Runde der Lektüre, erstand ich, um mir eine Vorstellung machen zu können von den traurigen, verfallenden Weilern, Dörfern und Städten Ostenglands, welche der Autor auf seiner Fußreise durchlaufen oder in denen er sich aufgehalten hatte, und wo ich noch nie gewesen war und seither auch nicht gewesen bin, eine Landkarte von der Gegend. Nicht hineingefahren bin ich in diese, während der Lektüre immer mythischer werdenden Landschaft. Sondern habe mir eine Landkarte gekauft. Denn sich eine Vorstellung von Orten und Gegenden machen hat für mich immer schon von Kindesbeinen an bedeutet, sie auf Landkarten und Atlanten zu identifizieren. Dort fand ich immer schon, durch mehr oder weniger abstrakte Zeichen und Linien, die Straßen, Ländergrenzen, Küstenlinien, Eisenbahnlinien, Höhenverläufe, Kanäle, Breiten- und Längengerade oder andere geographisch-topologische Wirklichkeiten repräsentierten, die Existenz der namentlich benannten Orte be- glaubigt und als unwiderlegbar dokumentiert. Vielfach ist es bei dieser Art der abstrakten, risikolosen Überzeugungsbildung nicht ge- blieben, ich bin tatsächlich hinausgegangen, gereist, hingefahren, aber in keinem einzigen Fall habe ich die auf Landkarten und in den Atlanten von mir entdeckten Orte wirklich er – fahren. Ich erfuhr dort immer nur mich als mir selbst Fremden.- Unterwegs, schreibt Sebald dazu noch, ergeht es mir „nicht selten wie dem Grillparzer. Wie er finde ich an nichts Gefallen, bin von allen Sehenswürdigkeiten maßlos enttäuscht und wäre, wie ich oft meine, viel besser mit meinen Landkarten und Fahrplänen zu Hause geblieben.“

Ich bin zum Kauf einer möglichst genauen Karte des südöstlichen Englands in den Münchner „Geobuchladen“ gegangen. Dieser im innersten München, im offiziell auch so genannten ‚Rosental‘ gelegene Buchladen ist eigentlich, wenn ich mich recht besinne und ernsthaft einen Vergleich sogar mit der Buchhandlung Lehmkuhl anstelle, der mir in München immer im wahrsten Sinne des Wortes liebste gewesen. Denn nur in ihm konnte und kann ich meine mich immer wieder heimsuchenden Tagträume vom Wegfahren, Reisen, Weglaufen, Fliegen, Schwimmen, Weggehen, von den alles, auch mich selbst hinter mich lassenden wunderbar gelingenden Fluchten verbinden mit meinen Nacht- und Alpträumen vom nicht Wegfahren können, vom Aufgehalten werden, von verpassten Zügen, nicht rechtzeitig erreichten Schiffen, fehlenden Fahrkarten, ausgefallenen Flügen, von Erdrutschen verschütteten Autos, umgeleiteten S-Bahnen, usw. usf., kann nur dort, in diesem Geobuchladen, diesen Widerspruch zwischen Tag und Nacht, Wunsch und Angst in mir, in einer Art absonderlicher Vorstellung von mir, widerspruchslos zusammenfügen und ausleben ohne wirkliche Konsequenzen, ohne scheinbar Verantwortung für das Weggehenwollen und zugleich Hierbleiben-wollen übernehmen zu müssen.

In diesem „Geobuchladen“ habe ich einmal eine der außergewöhnlichsten Karten erstanden, erinnere ich mich, weil ich eine Kreuzfahrt im Nordmeer plante, die ich dann doch nicht ange-
treten bin aus Zeitgründen, wie ich mir einredete, was aber eine Ausrede war. Es war ein Werk, auf dem sowohl das nördliche England mit den Orkney Inseln, Island, die Insel Jan Mayen, Spitzbergen und das nördliche Norwegen, aber auch Grönland, Nordkanada, Alaska, Nord- Sibirien und die Beringstraße dargestellt waren. Diese Karte der amerikanischer Air-Force aus dem Jahre 1984, genannt ‚Global Navigation and Planning Chart‘ hat in ihrer Mitte den Nordpol – auf der Karte eine Stelle, auf der fast alle darge- stellt Linien sich zu einem Punkt vereinigen. Schon stundenlang bin ich, über die große, aus- gebreitete Karte gebeugt, auf diesem nördlichsten Teil des Planeten herumgereist und habe die vielen, teils entzifferbaren und teils unbekannten Sonderzeichen und –linien für die Luftnavigation und Berechnungshinweise für den vom geographischen Nordpol abweichenden magnetischen Nordpol und vor allem auch die Warnhinweisen für Piloten, die sich auf sowjetisches Gebiet verirren sollten, studiert: “WARNING Aircraft infringing upon Non-Free Flying Territory may be fired on without warning”.
Diese mehrmals sich wiederholenden, wortgleichen Hinweise könnten auch aus einem meiner Träume stammen, sage ich mir und immer wieder starre ich auf diese Warnungen vor dem Eindringen in verbotene Territorien, als habe sie jemand für mich verfasst.

Auch Jaques Austerlitz, von dem noch später die Rede sein wird, „saß bis in die Abende hinein über Nachschlagewerken und Atlanten. Nach und nach entstand so in [seinem] Kopf eine Art idealer Landschaft…“ und hat so eine weitere von vielen Eigenschaften mit mir gemeinsam, worüber ich immer wieder staune. Mir selbst ist ein wunderbar großer Atlas aus dem Jahre 1975, den mir die Französin Micheline B. seinerzeit schenkte noch heute am liebsten, vermutlich, weil er Grenzen zeigt, die es heute nicht mehr gibt und mehr noch, weil in ihm Grenzen fehlen, die heute existieren. Hier also schon, in der da- mals noch nicht renovierten, dunklen, wunderbar unaufgeräumten, dem finanziellen Ruin augenscheinlich nicht mehr entkommenden Buchhandlung im Münchner Rosental, war die ideale Vorstellung in meinem Kopf über die Welt (ohne Menschen, muss ich heute sagen) angeschwollen fast zu einer Krankheit des Geistes.
Dass sie nachher gerettet worden ist vor dem Untergang, erlaubt mir nur die Fortsetzung meiner Besuche dort und die Aufrechterhaltung meines gespaltenen Daseins, in dem ich von meiner Tageswirklichkeit Abstand nehme und von ihr absehe. Nur den Atlas nicht existierender Länder, den ich dort einmal fand, habe ich bisher nicht gewagt aufzuschlagen oder gar zu kaufen, aus Furcht darin nichts weiter zu entdecken als mich selbst.

Als ich damals über Südostengland keine genauere Karte fand als die des mit dem mir zunächst völlig unpassenden, weil alle geschicht- lichen Gegebenheiten Hohn sprechenden Namen ‚Marco Polo‘ im Maßstab 1:300.000 mit der Bezeichnung „England Süd, Wales, mit landschaftlich schönen Strecken und Sehenswürdigkeiten, Übersichtskarte zum Ausklappen, Entfernungstabelle, Ortsregister, Citypläne London, Cardiff“, griff ich zu. Ich war aber in Sorge, auf dieser Karte eines ‚Marco-Polo-Verlages‘ auch nur einen einzigen der Sebald‘schen Orte überhaupt finden zu können. Denn schon in den Reiseberichten Marco Polos, so weiß der im Reisen wirklich beschlagene Sebald zu berichten, verdichtet sich die Wirklichkeit „ins Metaphysische und Mirakulöse und der Weg durch die Welt [wird] von vorneherein durchschritten … im Hinblick auf das eigene Ende.“ Insofern mag der Name des Kartenverlags ein Omen gewesen sein. Fortan las ich mit aufgeschlagener Karte den immer unheimlicher, fes- selnder und trauriger werdenden Text Sebalds und fand darauf tatsächlich die Orte Hedenham, Bungay, Southwold, Walberswick, Dunwich, Middleton, Woodbridge, Orford, Single Street, Bawdsey. Von nun an wusste ich, wo sie lagen, war überzeugt, dass sie tatsächlich existieren. Denn bei Sebald selbst kann ich ja nicht sicher sein, was erfunden ist von ihm und was nicht. Eingebildet habe ich mir einige Zeit lang, diese Orte bereisen und besehen zu müssen, bis ich erkannte, dass sie für mich für die Zukunft verloren sind. Denn sie sind geprägt vom sebaldischen Stempel, vom sebaldischen Prägestock des Verfalls und der Trauer. Und solange sich wer erinnert an die Texte Sebalds, solange werden diese Orte, als wäre es ihr unabänderliches Schicksal, den ihnen von einem ausgewanderten, traurigen Deutschen aufgedrängten Bild des Verfalls nicht mehr entkommen.
 
Ich habe bald mit Erstaunen erfahren, dass die sebaldische Sicht der Welt als eine verfallende, immer traurig machende, wenn man sich einlässt auf sie, sozusagen wunderbar funktioniert, auch im banalsten Alltag. Als ich im Mai nämlich aus beruflichen Gründen nach Berlin flog, nahm neben mir am Fenster eine junge Frau Platz, gekleidet in die Uniform einer heute so genannten Flugbegleiterin. Zierlich war sie, mit natürlichen, hellblonden, schulterlangen glatten Haaren, nicht älter als 30. Im feinen Gesicht trug sie eine randlose Brille, die ihr, so bildete ich mir ein, das Aussehen einer Dozentin für höhere Mathematik mit gerade deswegen gesteigerter erotischer Aura gab. Sie lächelte nur kurz, als ich aufstand um sie an den Fensterplatz zu lassen. Gerade las ich im Buch, vor mir den wunderbaren Sebaldschen Satz „Salvatore war mit seinem Bericht zu Ende und die Nacht war aufgegangen“ und sagte mir, jeder andere Autor hätte geschrieben ‚es war Nacht geworden‘ oder ‚die Nacht war hereingebrochen‘, Sebald aber schreibt ‚Die Nacht ist aufgegangen‘ während dies also umging in meinem Kopf und ich mich begeisterte an der aufgehenden Nacht, da schlug die zartblonde Flugbegleiterin mit einem raschelnden Ruck ihre für den Platz eines Flugzeugsitzes viel zu große, unhandliche Boulevardzeitung auf und meine Aufmerksamkeit wurde gelenkt auf die nicht zu übersehende, sozusagen ins Auge springende, die halbe Seite der Zeitung einnehmende und mit einem Farbfoto eines von schräg hinten aufgenommenen, weißhaarigen, an einem Schreibtisch sitzenden Mannes,  unterlegte Titelzeile: Gunter Sachs hat sich am Schreibtisch in den Kopf geschossen.

„Ist der Schreibtisch“, so wird die von Sebald erfundene Figur des Jaques Austerlitz einmal gefragt, „Ist der Schreibtisch vielleicht der Platz der Gespenster?“

 

II.
Sebald hat am liebsten ein solcher sein wollen, wie Austerlitz einer gewesen ist. Und weil er nicht so war, hat Sebald ihn sich zusammen- gesetzt aus Versatzstücken erdachter und erfundener, vielleicht auch realer Biographien: Als ideales, widerstandsloses ihm ausgeliefertes GESPENST für alle seine Wünsche und Ängste, für alles, was er schon immer einmal hatte sagen wollen, für alle seine teilweise schon ins neurotische reichenden Phantasien über die Folgen des Unglücks der ins Hitlereuropa hineingeborenen und hineingeratenen Menschen, und die durch die Katastrophe der Judenvernichtung und des zweiten Weltkrieges endgültig unter- gegangene Zeit, hat er die Geschichte des

„Austerlitz“ erfunden und doch nicht erfunden. Der Text trägt daher, wie alle Texte Sebalds, keine Gattungsbezeichnung. Der Name ‚Austerlitz‘ (der bei Sebald nichts mit dem Ort der berühmten Schlacht zu tun hat) evoziert lautmalerisch Wörter wie Ausschwitz, Auschowitzer Quellen (in Marienbad), Ausgesetzt, Aussätziger, Ausland, Auswanderer, Ashawer, der Name des ewig wie Austerlitz herumwandernden Juden. Was aber hat er mit mir zu tun?

Austerlitz ist keine individuelle Romanfigur, so wie keine Figuren in Sebalds Texten Individuen sind. Sie sind noch da figurative Erfindun- gen immer gleicher Art und gleichen Wesens, wo ihnen möglicherweise eine reale Biographie eines realen Menschen zugrunde liegt (wie vermutlich in einigen der in dem Band „Die Ausgewanderten“ geschilderten Figuren). Die sebaldschen Figuren unterscheiden sich bestenfalls durch das, was sie erzählen oder über sie aus Tagebuchaufzeichnungen und Skizzen gesagt wird, nicht wie sie erzählen oder wie über sie erzählt wird. Das „Wie“ ist immer selbaldisch. Aber auch ihre Erzählungen und das, was der Autor über seine Figuren berichtet und sagt, sind nur immer Variationen ein und desselben Themas. Die Figur des Austerlitz gewinnt auch nicht etwa deshalb an Individualität, weil Sebald ihn beschreibt als „beinahe jugendlich wirkenden Mann mit blondem, seltsam gewelltem Haar, wie ich es sonst nur gesehen habe an dem deutschen Helden Siegfried in Langs Nibelungenfilm.“ Damit wird der Vorstellung Raum verschafft, die Sebald darüber gehabt haben mochte, wie sein eigener, ungeliebter und ewiger Soldatenvater sich ihn als Sohn gewünscht haben mag und wie er doch nie aussah und wirkte. Aber auch hier ist plötzlich wieder der unwahrscheinlichste und unglaublichste Bezug oder eine von mir selbst mir eingeredete und eingebildete Verbindung hergestellt zu mir selbst, zu meinen seltsam gewellten, dazu noch blonden Haaren, die ich – Käthe-Kruse-puppenartig, in den entscheidenden frühkindlichen Jahren identitätsstehlend – vor meinem vierten Lebensjahr trug (eine Zeit, an die ich mich nicht mehr erinnere). Nichts ist zweifelhafter als der Zufall. Die Übereinstimmung der blonden Haare mit dem angeblichen Kinder- bild jener erfundenen Figur Austerlitz im gleichnamigen Text jedenfalls ist frappierend. Ausstaffiert wie Puppen sind wir da beide; er als kleiner Prinz, der er nicht war, ich als kleines Mädchen, das ich nicht war, beide bloße Wunschvorstellungen ihrer Erzeuger, jedenfalls ich aber nicht ich selbst, rede ich mir ein.

Austerlitz redet selbstverständlich den selbaldischen Stil, er ist ständig, wie Sebald es zu sein schien, unterwegs und macht sich wie dieser an allen möglichen Orten ständig Aufzeichnungen und Skizzen. Austerlitz lebt wie Sebald in England. Aber – und jetzt beginnen die Wunschphantasien Sebalds – als Vierjähriger wurde Austerlitz von seiner jüdischen Mutter 1939 mit einem Rucksack versehen, in Prag in einen Zug gesetzt und nach England geschickt, um ihn vor der sich abzeichnenden Vernichtung zu bewahren. Die Spur der Mutter verliert sich im Konzentrationslager Theresienstadt, die des Vaters im von den Deutschen besetzten Paris. Als Kind in England wächst Austerlitz in einem englischen Pfarrhaus auf, kennt seine Identität nicht. Nachdem er seinen Namen erfahren und seine Ausbildung abgeschlossen hat, macht er sich auf, seine Herkunft zu enträtseln und seine Erinnerung an die verlorene Kindheit in Prag wieder zu gewinnen. Am Ende des Buches zieht Austerlitz immer noch umher, in Frankreich, um Spuren seines Vaters zu finden. Erlöst ist er nicht. Weder ein Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik noch die – vorangegangene – Zuneigung einer Frau vermochten ihn zu erlösen, d.h. wohl: Von sich selbst zu befreien.
 

Die Erfindung dieser Figur erlaubt es nun Sebald, Geschehnisse, Erlebnisse und Erei nisse, Gefühle, Gedanken, persönliche, intellek- tuelle Eigenschaften, architektonische und landschaftliche Eigenarten und die unwahrscheinlichsten, wie er schreibt, „keinem vernünftigen Menschen“ wiederfahrenden Zufälle sich auszudenken und auszuarbeiten, um seinem Grundthema, Erinnerungsverbot und Schweigen, Verlust und Melancholie Raum zu schaffen bis hinein in wahnhafte Vorstellungen und sich so seinen abgründigen, aber nicht grundlosen Ängsten zu erwehren. Es handelt sich um eine Kopfgeburt Sebalds, um ein erzählerisches, durchschaubares Konstrukt alleine zu dem Zweck, ein zweifach stigmatisiertes Schicksal exemplarisch darzustellen. Das allerdings ist nicht wenig.

Und je mehr ich als Leser in diese Welten und Ängste, Vorstellungen, unwahrscheinlichen Zufälle und sprachlichen Vergangenheitsreisen eintauchte, umso mehr gewannen sie für mich eine mit meiner eigenen Biographie und Lebensmomenten verbundene, mich bald selbst ängstigende, unheimliche Bewandtnis. So intensiv wurde in mir während des Lesens mitunter das Gefühl, hier sei doch ich gemeint, hier schreibe doch in Wirklichkeit jemand über mich, hier sei doch einer mit meinen Erinnerungsbruchstücken, meiner Phantasie und Gefühlswelt bestens und besser vertraut als ich selbst, so sehr, dass ich schon zu zweifeln begann an meinem Verstand. Denn meine äußeren Lebensumstände haben doch weder mit jenen des Sebald noch erst recht nicht mit jenen seiner Wunschfigur Austerlitz etwas zu tun.

„Seit meiner Kindheit und Jugend,“ lässt Sebald seinen Austerlitz sagen, „habe ich nicht gewußt, wer ich in Wahrheit bin.“ Dieses Gefühl kenne ich nur allzu gut, und woher es stammt, kann Austerlitz anhand seiner ganz frühen Kindheit aufklären, nicht aber ich bis zur Niederschrift dieser Sätze. Ich kann nur ahnen. Verbunden damit ist die Gewissheit, dass alle anderen Menschen um mich herum Lebensregeln kennen, die alleine mir selbst nicht offenbar geworden sind. „Tatsächlich bin ich während all der von mir in dem Predigerhaus in Bala vebrachten Jahre nie das Gefühl losgeworden, etwas sehr Naheliegendes, an sich Offenbares sei mir verborgen.“ erklärt Austerlitz. Banale äußerliche und biographische Ähnlichkeiten mit Sebald und mir, seinen Leser, scheinen solche Über- einstimmungen zu beglaubigen: Beider Väter geraten in Gefolge des 2. Weltkrieges in französische Kriegsgefangenschaft. Was sie dort erlebten ist offenbar weder dem Autor von seinem, noch mir, dem Leser von meinem Vater bekannt geworden. Wie bei Sebald, dem schier ewig Fußreisenden, der ich aber gar nicht bin, ist das Schuhwerk bei mir regelmäßig schnell „innwendig in Fetzen aufgelöst“, und allein dieser übereinstimmende Zustand löste ein Entsetzen in mir mir.

Tiefer gehen und weit beunruhigender sind die von Sebald so genannten „melancholischen Rituale“, welche Sebald sich und Austerlitz zuschreibt und die ich während des Lesens mich teilweise erinnernd entdecke bei und in mir. Da ist das bereits erwähnte Studieren von Landkarten und Atlanten jeder Art wie eine Sucht. Dabei erinnere ich mich an dieser Stelle, dass ich schon als Schüler die Zeitschrift „Sterne und Weltraum“ abonniert hatte, weil sich mir offenbar der Planet Erde als zu klein erwies für meinen frühen Wunsch des Verschwindens irgendwohin ins extraterrestrische. Zu den von mir durchforsteten Atlanten gehörten auch Sternatlanten. In Bäume bin ich mit einem damaligen Schulfreund, der es nachher gebracht hat zum Gymnasiallehrer für Physik, hinaufgeklettert, um dort oben stunden- lang und tagelang die phantastischen, jede Logik und jedes physikalische Gesetz missachtenden, so  genannte  Science-Fiction-Geschichten des „Perry Rhodan“ geradezu zu verschlingen, ohne mir einen Begriff zu machen von der geradezu primitiven anthropozentrischen Darstellung von nichts anderem als der Ausübung menschlicher Macht, der Kolonialisierung, Unterdrückung und Vernichtung des uns Fremden, verlagert in den von uns Menschen noch nicht beherrschten Weltraum und daher harmlos erscheinend. Anders als letztendlich glücklicherweise in der realen Welt und noch in der jüngsten realen Vergangenheit, siegt Perry Rhodan als irgend- wie bestimmter, machthabender Vertreter der Menschen im Weltall am Ende immer über die Fremden und das Fremde. Hier setzt sich im Literaturgenre der sogenannten „science fiction“ noch in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts verharmlosend fort, was an faschistoiden Vorstellungen des reinrassigen Volkes und Führertums trotz oder wegen der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges noch immer im deutschen Gedankengut und in der deutschen Phantasiewelt unbewußt sein Wesen trieb. Denn dieser ‚Perry Rhodan‘ war eine rein deutsche Erfindung und ein rein deutscher Erfolg.

Zu den Ritualen der Melancholie, die der Verfasser dieser Zeilen mit jenem Austerlitz nicht zufällig gemeinsam hat, gehört das Aufsuchen jener „Glücks- und Unglücksorte“, von denen Menschen wegfahren, hinausfahren, verschwinden. Sind es bei Austerlitz Bahnhöfe, vor allem Pariser Bahnhöfe, die er aufsuchte, um „das Einfahren der Dampflokomotiven in die rußschwarzen Glashallen sich anzuschauen oder das leise Davongleiten der hellerleuchteten, geheimnisvollen Pullmanzüge, die in die Nacht hinausfuhren wie Schiffe auf die unendliche Weite des Meers,“ sind es bei mir tatsächlich Schiffshäfen, gibt es bei mir die Hafenmanie. Immer, wenn ich in eine Stadt am Meer gelange, suche ich gleichsam manisch angezogen, zuallererst, bevor ich noch irgendwelche sogenannte Sehenswürdigkeiten, wenn überhaupt, besichtige, ihren Hafen auf und sei er noch so klein und unbedeutend. Unzählige Häfen von Aberdeen und Alexandria über Bergen, Bremerhaven, Buckey, Cefalu, Cork, Danzig, Dublin, Flensburg, Georgetown, Hamburg, Helsinki, Kiel, Kopenhagen, Lavrion, Le Havre, Marsa-Matru, Piräus, Pula, Rijeka, Rostok, Tallin, Tanger, Rab, Singapur, St. Petersburg, Stockholm, Triest, Trondheim, Venedig, Wilhelmshafen, Wismar, Zadar usw. usw. vermischen sich in meinem Gedächtnis zu einem einzigen Ort des niemals zu stillenden und gleichzeitig wegen meiner mir eigenen, tief im Inneren verankerten Unentschlossenheit und Willensschwäche niemals erfüllten und in Wirklichkeit auch niemals erfüllbaren Wunsches hinauszufahren aufs Meer, irgendwohin. Denn irgendwohin ist nirgends. Deswegen haben auch alle Reisen zu diesen Häfen, ihre Durchwanderung und fotografische Beglaubigung keinerlei Folgen gezeitigt für meinen schon manischen Wunsch, hinauszufahren aus diesen Häfen. Schon als Halbwüchsiger im etwa sechzehnten Lebensjahr habe ich eine Erzählung geschrieben mit dem Titel „Nach neuen Meeren“, (welcher – glaube ich – seinen Ursprung hat in einem Gedicht Nietzsches) in welcher die Hauptperson seinen Freunden und Bekannten erklärt, dass und warum er jetzt mit seinem Segelboot aufbricht hinaus aufs Meer ohne Ziel und ohne die Absicht, wiederzukehren.
 
Wilfried Erdmanns Bericht über seine zweite Einhandweltumseglung mit dem Titel „Allein gegen den Wind“ habe ich wie Sebalds englische Wallfahrt zweimal hintereinander fast unterbrechungslos gelesen. Die Tatsache, dass ich tatsächlich für kurze Zeit zur See gefahren bin, ändert nichts an der Tatsache, dass ich tatsächlich nicht hinausgefahren bin, denn diese eigene Seefahrt war eine militärische, letztlich also einer Zerstörung dienende Fahrt, die ich vor Wieder- willen wieder aufgegeben habe nach einem Jahr. Seefahrt – lege ich mir heute als Ausrede zurecht – ist schon immer genährt worden vor allem auch von Eroberungswillen, Macht, Unterwerfung, Vernichtung und Einverleibung des jeweils vorgefundenen Fremden. Die Seefahrt war niemals Heimkehr, ihr Ziel war niemals das Zuhause, mit anderen Worten: Bei sich selbst anzukommen. So wie jedes Reisen eine vergebliche Flucht vor sich selbst ist, wie schon der unruhige aber immer an einem Ort lebende Konstantinos  Kavavis wusste:

Es gibt für dich kein Schiff und keine Straße- Gib die Hoffnung auf. Hast Du dein Leben auf diesem kleinen Fleck vergeudet, so hast du es auf der ganzen Erde vertan.

 

III
Seebald hat sich mit Austerlitz eine Figur ausgedacht und zusammengesetzt, die, wäre sie in Prag geblieben, aller Wahrscheinlichkeit gemäß, so sollen wir Leser schlussfolgern, in einem Konzentrationslager ermordet worden wäre. Diese dramatische Ursituation erlaubt es Seebald, das Zuhause-Bleiben als sicheren Tod zu beschreiben, das Verlassen des Zuhause als Mittel des Überlebens darzustellen und als Preis dafür das ‚Sich- selbst- Verlieren‘ sich und uns als Rechnung zu präsentieren: Soweit ich zurückblicken kann, sagte Austerlitz, habe ich mich immer gefühlt, als hätte ich keinen Platz in der Wirklichkeit, als sei ich gar nicht vorhanden. Damit formuliert Sebald/Austerlitz ein mir selbst wohlvertrautes Gefühl.

Seebald selbst hat sein Zuhause nie gefunden, auch und gerade in seinem Geburtsort Wertach nicht. Zu seinen beeindruckensten Texten gehört daher „Il ritorno in patria“, worin er seine erste Rückkehr seit Jahrzehnten nach Wertach schildert. Schon der Titel in italienischer
Sprache demonstriert Distanz, vielleicht Angst. In möglicherweise ironisierender Absicht soll er eher an Opern Händels erinnern, als an den Versuch, die Panik davor zu bannen, dass er womöglich doch in sein Vaterland (das deutsche Wort meidet der Autor peinlichst) zurückkehrt und sich dort findet. Sebald formuliert die entscheidende Stelle so: „Obzwar im Verlaufe dieser langen Zeit….viele der mit W. verbundenen Örtlichkeiten ….in meinen Tag- und Nachtträumen beständig wiederkehrten und mir jetzt vertrauter schienen, als sie es vormals gewesen waren, lag das Dorf, wie ich mir bei meiner späten Ankunft dachte, weiter für mich in der Fremde als jeder andere denkbare Ort.“ Damit hat er mir aus dem Herzen gesprochen, der ich meinen Geburtsort früh verlassen habe, weil ich mit ihm nichts zu tun haben wollte. Dann aber entfährt Sebald die erleichternde und zugleich verräterische Beruhigung darüber, dass er glücklicherweise nicht finden würde, was er angeblich sucht: sein Zuhause, sich selbst: „In gewissem Sinne war es mir eine Beruhigung, dass ich jetzt, bei meinem ersten Rundgang durch die in einem bleichen Licht daliegenden Straßen, alles von Grund auf verändert fand.“

Wie kaum in einem anderen Text habe ich die mir so vertraute Abwehr des Ortes meiner Herkunft und zugleich seine stetige Suche so intensiv wie- dergefunden, wieder gespürt wie bei Sebald und seinem Homunkulus Austerlitz. Selten habe ich bei einer Lektüre die eigene, ungewollte ‚Geworfenheit‘ (Heidegger) in eine mir fremde Welt, die ich mir ständig aneignen will und doch nicht aneignen kann, so intensiv wieder erlebt wie während der Lektüre der Texte Sebalds. Die ‚fremde Welt‘ meint sowohl die geografische („und also war Deutsch- land, sagte Austerlitz, für mich wohl das unbekannteste aller Länder.“), als auch die ganze Welt außerhalb meiner selbst. Austerlitz: „Es nutzt mir offenbar wenig, daß ich die Quelle meiner Verstörung ent- deckt hatte, mich selber, über all die vergangenen Jahre hinweg mit größter Deutlichkeit sehen konnte, als das von seinem vertrauten Leben von einem Tag auf den anderen abgesonderte Kind: die Vernunft kam nicht an gegen das seit jeher von mir unterdrückte und jetzt gewaltsam aus mir hervorbrechende Gefühl des Verstoßen- und Ausgelöschtseins.“ Gerade das Fehlen jeder psychologischen Attitüde oder sogar psychanalytischen Erklärungsversuches in den Sebaldischen Texten macht ihren Sog für mich aus und öffnete mir so
die Augen für meine eigene, mir zum Teil aufgepfropfte, zum Teil selbst eingeredete Traurigkeit übers eigene So-Sein.

Austerlitz, diese Fluchtfigur Sebalds, sucht seinen Vater am Ende des Textes noch immer, weil, so erkläre ich es mir, er von ihm etwas erwartet, was er noch nicht bekommen hat. Und wenn er ihn nicht gefunden hat, dann sucht er ihn noch heute und kann ihn also – aus der Sicht Sebalds sozusagen glücklicherweise – nicht befragen. Sebald hat an keiner Stelle berichtet, dass er seinen Vater irgendetwas gefragt hätte. Das Schweigen, das er der deutschen Nachkriegsliteratur über die Greuel des Krieges und seiner Opfer vorwirft, schweigt er selbst in Bezug auf sich. Austerlitz ist für Seebald auch eine literarisch sorgfältig entworfene und keinen Wi- derspruch duldende Strategie des Auswei-chens vor sich selbst. Denn wer wollte schon dem Schicksal eines kleinen jüdischen Jungen aus Prag widersprechen, der in seiner Person das Überleben der Judenvernichtung durch die Nazis und das dadurch ausleglöste Sich-selbst-in- Frage-stellen und ewige Suchen verkörpert.

So ist Sebald auch einer der deutschesten der deutschen – späten – Nachkriegsliteraten: Weil er sich hineinversetzt in ein jüdisches Opfer des deutschen Faschismus, derart, dass er ihn für sich sogar erfindet, dessen Rolle er vollkommen an- und übernimmt und in den er seine eigenen Gefühle, Ängste, Aggressionen usw. hineinverlegt als Kind eines unverbesserlichen Mitläufers des Faschismus und Soldatenvaters, um sich zu entlasten von dieser Herkunft aus Schweigen und Verdrängen, die uns anhaftet und verbindet. Ich weiß, dass eine solche Entlastung tatsächlich keine ist.

Sebald, Austerlitz, ich: Eine Triumvirat sich ausgestoßen fühlender, vermeintlich vaterloser alter Söhne, der Mittlere eine Projektionsfläche für den Autor einerseits und mich als Leser an- dererseits, so lange, bis der Bann der Vergangenheit gebrochen ist. Für Sebald ist es dafür zu spät. Es war gemäß seiner Haltung gewisserma- ßen folgerichtig, dass am 14. Dezember 2001 unterwegs, auf einer Straße durch einen Autounfall, sein Leben, wie vor ihm diejenigen des Albert Camus, Antonio Gaudi, Italo Svevo und anderen,  unvermittelt abriss.
 

 

 

 
ULRICH  SCHÄFER-NEWIGER
 
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