Ulrich Schäfer-Newiger


 

Da, wo das Herz ist

 

Es gibt nichts zu erklären. Ich weiß auch nicht, was ich erklären soll. Was geschehen ist, kann keine Erklärung mehr rückgängig machen. Verstehen Sie? Deswegen wäre jede Erklärung sinnlos. Egal welche. Jeder Erklärungsversuch ist Zeitverschwendung. Meine Zeit wird verschwendet und die Ihre. Wir sollten zu einem Ende kommen. Damit wir es hinter uns haben. Für was die vielen Worte? Ich kann nichts erklären. Haben Sie eine Zigarette?

Man hat uns Gewehre gegeben. Das ist alles. Ja, jedem eines, mit Zielfernrohr. Und Munition. Das ist alles. Was soll ich sonst noch sagen? Ich konnte mir den Platz nicht aussuchen. Ich habe den hier zugewiesen bekommen, weil ich den Stadtteil kenne. Ich kann von hier aus die Straße bis zu dem Platz da oben überblicken, sehen Sie? Und das Viertel gegenüber, die ganzen Wohnkasernen. Weil ich dort nämlich aufgewachsen bin. Ich kenne jede Ecke. Deshalb hat man mir diesen Platz hier zugewiesen. Ein guter Platz. Ich kenne jeden Balkon dort gegenüber, jedes Fenster und jedes Fensterloch. Wissen Sie, was es heißt, dort aufgewachsen zu sein? Aber das können Sie ja nicht wissen. Sie sind ja nicht von hier. Ich kenne jedes kaputte Haus. Und da, in der Wohnung, da links, fünftes Geschoß, da bin ich aufgewachsen. Wir waren zu siebt. Aber was hat das miteinander zu tun? Doch nichts. Ich sehe keinen Zusammenhang. Was wollen Sie? Jetzt ist keiner mehr da. Ich weiß nicht, wo alle sind. Keine Ahnung. Gesucht habe ich sie nicht. Für was?

Beim ersten Mal hat einer mit einer Pistole hinter mir gestanden. Ich habe gesagt, ich will nicht. Ich habe ein Klicken gehört. Du mußt, hat er gesagt. Daran erinnere ich mich. Das ändert aber nichts. Und es ist deswegen auch gleichgültig, wie alles anfing. Das hat auch nichts miteinander zu tun. Daß ich in der Mittelschule schon Gedichte geschrieben habe. Und auch später im Gymnasium. Das hat nichts miteinander zu tun. Jeder schreibt Gedichte. Das erklärt doch nichts. Auch, daß ich einen Preis gewonnen habe. Auch das erklärt nichts. Das Eine hat mit dem Anderen nichts zu tun. Bestimmt. Ohne Gewehre könnte ich leben, ohne Gedichte nicht. Deswegen hat beides nichts miteinander zu tun. Am Anfang habe ich noch die Augen geschlossen. Sofort danach. Ja, aber das war nicht von Bedeutung. Dinge geschehen ja nicht, nur weil man nicht hinsieht. Verstehen Sie? Es nutzt nichts, die Augen zu verschließen. Das habe ich gelernt. Ich mußte auch wachsam sein, damit mich keiner findet. Den Sessel hier habe ich mir dann geholt. Von da hinten. Die Wohnung war ja verlassen. Und kaputt. Aber Möbel gab's noch. Am Anfang gab's auch noch Schnaps. Aber auch das erklärt nichts. Ich habe es mir sozusagen gemütlich gemacht. Weil ich Wochen und Monate hier aushalten mußte. Bei Kälte und Regen. Es gab keine Heizung mehr.

Ja, das war ich. Das habe ich geschrieben. Ich habe auch geschrieben, als ich hier war. Oft gab es ja nichts zu tun, tagelang nicht. Da mußte ich schreiben.

" Ich wollte, daß seine Krone sich neigt bis zur Erde,
  Ich wollte, es folgte der Tag nicht der Nacht."

Das ist aus der Gasele vom verlorenen Wunschbaum. Das habe ich früher geschrieben. Das erklärt aber nichts. Das hat mit dem hier nichts zu tun. Das ist ein Anderer, der das geschrieben hat, und das ist auch etwas anderes. Verstehen Sie? Es erklärt nichts. Das Gekritzel. Das verändert die Welt nicht. Das hat mit den zerbombten Häusern hier nichts zu tun, den Toten und allem. Dreieinhalb Monate war ich hier, ununterbrochen. Gefunden hat mich in der Zeit keiner. Gesucht offenbar auch nicht. Es gab die Angst. Eine Erklärung ist nicht möglich, nein. Essen habe ich mir auf verschiedene Arten besorgt. Das ist nicht wichtig. Ja, ich habe einfach auf die Rücken gezielt. Da wo das Herz ist. Das ging. Aber wenn ich Köpfe getroffen habe, waren die weg. Peng. Wegen der Dum-Dum-Geschosse. Die sind auseinandergeflogen. Dann war der Körper ohne Kopf und fiel langsam hin. Das gab es. Ich habe dann immer durch das Zielfernrohr gesehen, nachher. Manchmal habe ich auch nicht getroffen. Aber meistens doch. Deswegen wurde ich ja ausgewählt, weil ich so gut schießen kann.

Mir war das dann egal. Es hat ja niemand gefragt, ob es mir gut geht oder schlecht. Zweimal haben sie mir eine Stange Zigaretten vorbeigebracht. Beim zweiten Mal auch fünf Milliarden. Aber Sie wissen ja: das war nichts wert. Damit konnte ich nichts anfangen hier oben. Mach weiter so, haben sie jedesmal gesagt. Wir haben Dich im Auge. Vertrauen hatten die nicht zu mir, nie. Aber das erklärt auch nichts. Das nicht. Ich habe sie gezählt. Klar. Vierunddreißig. Ob sie alle tot sind, weiß ich natürlich nicht. Aber vierunddreißig habe ich gut getroffen. Vierunddreißig in dreieinhalb Monaten. Was besagt das schon? Erklärt ist damit auch nichts, wenn Sie das meinen. Mein letztes Gedicht habe ich hier geschrieben. Neben dem Gewehr. Es geht so:

" Und wenn aber wie die Erinnerung
  Die Tage
  So flüchtig und schwankend
  So unhaltbar
  Vergehen"

Ja, so kurz ist der Text. Er erklärt nichts. Mehr ist nicht zu sagen. Was wollen Sie denn noch? Können wir jetzt gehen?