Constanze Huhn


 

Unter dem Tripperturm

 

Vorwort

"Racontami una storia incredibile del tuo paese!"

Eine unglaubliche Geschichte aus meinem Land wollte Lucia hören.

Ich erzählte ihr folgendes: In meiner Heimat stehen überall große rote Plastikkästen mit Tageszeitungen auf den Gehwegen. Diese Plastikkästen sind nicht verschlossen. Jeder kann eine oder mehrere Zeitungen herausnehmen, so viele er will. An der Seite der Kästen findet sich ein kleiner Schlitz für die Münzen. Ob die Zeitungsleser das Blatt jedoch wirklich bezahlen, wird nie kontrolliert.

Das außergewöhnlich Erstaunliche daran ist: Dieses System hat sich seit über 20 Jahren bewährt, denn die Plastikkästen sind am Abend trotzdem voller Geld!

Lucia lachte höflich und glaubte mir kein Wort.

Genauso erging es meinem Großonkel, wenn er von seinen Erlebnissen unter dem Tripperturm erzählen wollte.

Die Leute winkten lachend ab, wenn er mit seinen Geschichten anfing. Manche beschimpften ihn sogar ob seiner wilden Phantasien.

Ich aber traute ihm und erzähle deshalb jetzt von Pietro, der mein Großonkel war, von seinen Zimmergenossen Ernesto und Liborio, von dem Koch Galli und von allen anderen besonders leidenschaftlichen Einwohnern der ligurischen Hafenstadt.

Und jeder Italiener wird mir glauben.


CONSTANZE HUHN

 

 

 

 

 


 

 

Eine außerordentlich vorzügliche Schule

Die Scoula Radiotecnica war das nobelste Auffangbecken Italiens. Dorthin wurden die halbwüchsigen Söhne reicher Eltern geschickt, die keine andere Schule mehr ertrug. Falls sie die Abschußprüfung bestanden, was so selten war, daß der Direktor keine Formulare dafür bereithielt, durften sie sich Hochfrequenztechniker nennen. Das heißt, sie waren in der Lage, einfache Radios zu reparieren, und konnten stotternd morsen.

Das Internat lag auf einem Hügel über der Hafenstadt. Vom Speisezimmer aus konnten die Schüler beobachten, wie die Wellen an die Klippen schlugen und die Fischerbötchen schaukelten. Blickten sie jedoch aus den Fenstern der Klassenzimmer, sahen sie den großen Hafen mit den Werften. Sie kannten jedes Schiff, wußten, woher es kam und was es geladen hatte. Sie wußten auch, welche Freudenmädchen die schmalen Leitern hinauf in die Schiffsbäuche stiegen. Es sagte viel über die Mentalität der Matrosen aus, wieviele "puttane" eingeschleust wurden. Am wildesten ging es auf den Schiffen aus Lateinamerika zu, und besonders ruhig im Hafen lagen dagegen die nordamerikanischen. Dafür hatten diese natürlich die teuersten Mädchen, ahnten die Schüler.

Doch nicht nur die Matrosen genossen das reichhaltige Angebot an käuflichen Damen. Die Internatsleitung sah sich deswegen gezwungen, das abgelegenste Zimmer in einen Krankensaal für Schüler mit Tripper umzuwandeln. Das Tripperzimmer war im obersten Stockwerk eines kleinen Türmchens und bestand fast nur aus großen Fenstern. Wie Leuchtturmwächter konnten die Kranken das kleinste Schiffchen am Horizont identifizieren und jeder von ihnen kannte die Namen der Sterne, die nachts über seiner fiebrigen Nase tanzten. Manche Jungen mußten fast einen Monat in dieser überirdischen Quarantäne verbringen. Ihr einziger Kontakt zum Rest der Schule war der alte Enzo Fornari, der Nautik unterrichtete. Der hatte es in seiner Jugend auch wild getrieben und war voll nostalgischem Mitgefühl für seine Schüler. Enzo brachte ihnen die Sulfonamide für die Wunden und half, Blutungen zu stillen.

Als Pietro unter dem Tripperturm ankam, zitterte sein poliertes Köfferchen vor Freude. Endlich hatte er Brixen, das dank Mussolini nun Bressanone hieß, verlassen können. Nun wurde er Radiotechniker!

Hinter dem niedrigen Schulgebäude sah er seine zukünftigen Kameraden auf dem Rasen liegen. Da wußte er, daß er von ihnen der Jüngste und auch der Ärmste war. Diesen Jungen in der sauber gebügelten Schuluniform haftete die Unbeschwertheit jener Leute an, die wissen, daß das Geld immer zu ihnen fließt.

Um Pietros Familie machte das Geld hingegen einen großen Bogen.

Sein Vater hatte unzählige Lockenwickler in schwatzende Köpfe drehen müssen, um ihm diese Ausbildung zu ermöglichen.

Ein Kunde, Senior Tullo, dem Pietro jeden Montag den Bart stutzte und die Härchen aus der Nase schnitt, hatte ihm von der Scuola Radiotecnica auf den Hügeln der ligurischen Küste erzählt. Pietro war so begeistert, daß er aus Versehen dem armen Tulio die Schere in seine behaarte Nase rammte. Er wollte noch nie Friseur werden, und sein Vater ahnte auch, daß Pietro in seiner Schweigsamkeit jeden Kunden vergrault hätte. So gab er dem Drängen seines Sohnes nach und schickte ihn für ein Jahr in die kleine Hafenstadt.


CONSTANZE HUHN

 

 

 

 

 


 

 

Ein höchst beneidenswerter Matrose

Es war das unglaublichste aller Gerüchte, das durch die kleine Hafenstadt zog und das ganze Internat vom Berg herablockte.

Die Freudenmädchen hatten es natürlich als erste gewußt. Sie erzählten es den Marktleuten, die den Hausfrauen. Diese verrieten es beim Mittagessen der Familie. Die Kinder flüsterten es hinter dreckigen Händchen in der Schule weiter, die Väter grölten es auf den Werften ihren Kollegen zu. Sogar der Pfarrer erfuhr es.

Es war die Geschichte von einem Matrosen aus Brasilien. Sein Schiff lag seit einigen Tagen in dem größten Dock. Die Besatzung hatte sich in der Hafenstadt verteilt. Der Kapitän logierte mit dem Steuermann im Hotel am Hafen, die Matrosen wohnten in den vielen Fischerhäuschen. Die Fischer freuten sich über das Zubrot und behandelten die Gäste mit größter Freundlichkeit.

Einer der Matrosen wohnte in Lerici, einem kleinen Dorf außerhalb der Stadt. Dieser Matrose aus Brasilien habe, so sagte man, seiner Wirtin 36mal in einer Nacht seine Manneskraft bewiesen.

36mal! Er beschämte damit zwar jeden Mann in der Stadt, trotzdem wollten ihn natürlich alle sehen.

Auch Pietros Mitschüler waren außer sich, denn so dreist hatte noch keiner von ihnen geprahlt. So kam es, daß sich alle Einwohner des kleinen Städtchens nach der Messe vor der Kirche auf dem Marktplatz versammelten und die 10 Kilometer nach Lerici pilgerten.

Auf der Wanderung tat Pietro seinen Mitschülern einen großen Gefallen, indem er ihnen gestand, daß er noch nicht einmal die scheue Hand eines jungen Mädchens gehalten hatte. Denn er war Südtiroler und somit vollkommen unerfahren. Im Gegensatz zu seinen italienischen Freunden wurde ihm zum 16. Geburtstag kein Besuch bei den Freudenmädchen geschenkt.

Seine Mitschüler erklärten ihm deshalb eifrig die elementaren Dinge des Lebens und überboten sich mit blumigen Beschreibungen des Beischlafs.

Während der nun Aufgeklärte die Fülle der Informationen noch verdaute, kam die Prozession in Lerici an.

Das Dorf war wie leergefegt, aber die Neugierigen hörten lautes Geschrei. Sie gingen dem Lärm nach und trafen die Einwohner Lericis vor einem baufälligen Haus. "Trenta sei, Trenta sei!" riefen sie den Neuankörnmlingen zu. Die Prozession vermischte sich mit den Dorfbewohnern und ließ sich von den lauten Rufen anstecken. "Viva, Viva, er lebe hoch!" schrieen jetzt alle und zertrampelten dabei das Gemüsegärtlein der Wirtin.

Das Fischerhaus, in dem der Matrose wohl wohnte, hatte, was an sich schon erstaunlich war, einen Balkon.


CONSTANZE HUHN

 

 

 

 

 


 

 

Pietro war klar, daß der Matrose sich vor Scham im Haus versteckte. Doch im Gegenteil! Ein kleiner Mann mit Muskeln, die in der Mittagssonne glänzten, betrat strahlend den Balkon. "Viva, Viva!" Der Matrose postierte sich in der Mitte des Balkons und begann huldvoll zu winken. So wie der Papst, wenn er in der Kutsche durch die Menge seiner Schäflein fuhr. Das Gedränge war bald so groß, daß die Alten und Schwangeren sich am Dorfende in Sicherheit brachten. Doch nachdem die wildesten unter den Schaulustigen singend in die Osteria wanderten, konnten die Zuschauer der hinteren Reihen vorrücken. So kam jeder auf seine Kosten.

Als die Sonne bereits unterging, wurde der Arm des Matrosen vom Winken lahm, die Menge heiser, und die Wirtin hatte viele Fische verkauft.

Pietro war so erschöpft, daß ihn seine Kameraden den Berg hochtragen mußten. Trotzdem lag er im Bett noch lange wach. Er hörte die aufgekratzten Rufe der Mitschüler beim Zechen und die Kranken im Tripperturm stöhnen. Lange überlegte Pietro noch, wie die arme Wirtin 36 Kinder ernähren wollte.

Eine ungeheuer mißlungene Polenta

Der Direktor hatte das Malheur mit der Polenta vorhergesehen, doch keiner wollte ihm glauben, und die Dinge nahmen ihren Lauf:

Alle Schüler der Scuola Radiotecnica hatten eines gemeinsam: Sie waren stets hungrig. Dieser äußerst bedrückende Umstand ging ganz offensichtlich auf das Konto des Architekten: Es gab keine Küche! Für die Schüler war klar, daß es sich bei so einem Cretino nur um einen der Architekten aus Süditalien handeln konnte.

Der Direktor war also gezwungen, eine Hilfsküche im Keller einbauen zu lassen. Da die Gelder der Schule hauptsächlich in die Pflege des englischen Rasens flossen, blieb für eine Küche wenig übrig.

Man kaufte also nur einen riesigen Kupferkessel und ließ ihn an drei schweren Eisenketten von der niedrigen Decke herunter baumeln.

Bei der Suche nach einem Koch stieß der Direktor auf Senior Galli. Galli war vor seiner Pensionierung auf einem klapprigen Transportschiff Koch und Heizer zugleich gewesen.

Damit verfügte er über zwei wichtige Schlüsselqualifikationen: Er konnte ein anständiges Feuer entfachen und den zukünftigen Schiffsfunkern das Leben auf hoher See schmackhaft machen.

Dem bemitleidenswerten Galli stand also nur der Kessel und feuchtes Brennholz vom Garten zur Verfügung. Er mußte sich daher auf kalte Panini spezialisieren, um die Mäuler zu stopfen. Da Galli aber der Meinung war, daß einmal am Tag etwas Warmes auf den Tisch mußte, kochte er tagein tagaus einen großen Kessel Minestrone. Um den Schülern dieses Einerlei zu versüßen, probierte er immer neue Varianten der Minestrone aus: montags war sie stark gepfeffert, dienstags mit Kerbel und wenig Kartoffeln, mittwochs und donnerstags schmeckten die Schüler sogar eingeschmolzenen Käse, freitags schnitt Galli die selbstgezüchteten Kräuter in die Suppe und am Wochenende verfeinerte er sie sogar mit einer Flasche Weißwein. Trotzdem konnten die Schüler bald die Minestrone nicht mehr riechen.


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Die besonders Wohlhabenden unter ihnen ließen sich noch mehr Geld von zu Hause schicken, und kauften Galli die begehrten Formaggini ab. Diese Käseeckchen waren das sehr teuere Zugeständnis des Direktors an die hungrigen Schüler.

Die meisten dieser Käseeckchen wurden von den Norditalienern gekauft. Sie litten besonders unter der Mangelernährung. Ihnen fehlte ihre Polenta. Um das Ausmaß ihres Kummers richtig zu begreifen, muß man wissen, daß den Norditalienern, besonders den Triestern, schon vor der Muttermilch Polenta in die kleinen Mündchen geschoben wurde. Dieser fanatische Hang zu den duftenden Grießschnitten schlug sich sogar im Heiratsverhalten der Triester nieder: gefiel einem jungen Mann sein Mädchen so sehr, daß eine Hochzeit drohte, mußte das Mädchen der zukünftigen Schwiegermutter eine Polenta kochen. Dieser Test war äußerst hart, denn eine gute Polenta ist fast wie ein Wunder. Es gab wenige Frauen, die aus dem Maisgrieß eine flockige Polenta zaubern konnten. Bei den meisten, deshalb weniger heiratenswerten Frauen verklumpte der Grieß, und die Schwiegermütter dachten, sie bissen auf einen Batzen brüchigen Lehms.

So wurden im Laufe der Jahrhunderte in ganz Norditalien die guten Polentaköchinnen herausgezüchtet.

Die Norditaliener träumten also jede Nacht von einer guten Polenta und stritten sich tagsüber, wessen Mutter die beste Polentaköchin sei.

Fausto Petrulli, der ohne Polenta unweigerlich Durchfall bekam, machte dem Direktor einen Vorschlag.

Fausto überredete den Direktor, indem er leise auf die jährliche Spende seiner Eltern für die Schule hinwies, Galli Polenta kochen zu lassen. Der Direktor war aus Padua. Er wußte also, daß eine gute Polenta ein Wunderwerk darstellte. Deshalb konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie der arme Galli in seinem Kupferkessel über dem Feuer diese höchste aller Kochkünste vollbringen wollte.

Doch da das halbe Internat aus Norditalienern bestand und der Direktor auch große Sehnsucht nach einer guten Polenta hatte, willigte er zögernd ein. Er bestand allerdings darauf, daß die Schüler selbst den Maisgrieß in der Stadt auftreiben mußten. Insgeheim hoffte er, daß es ihnen nicht gelingen würde.

Doch er hatte Pech, drei Tage später kamen die Schüler singend den Berg heraufgestiegen. Fausto trug triumphierend einen großen Sack Maisgries auf dem Rücken. Sie brachten den Grieß zu Galli und weihten ihn in die große Kunst des Polentakochens ein. Dabei übertrafen sie sich mit guten Ratschlägen, besonders raffinierten Rezepten, verwiesen auf die richtige Würze und auf die exakt zu berechnende Menge Wasser. Galli war verzweifelt. Er versprach jedoch, den Jungen noch in derselben Woche Polenta zu kochen.

Die Vorfreude der Norditaliener zog durch das ausgehungerte Internat und steckte den Rest der Schüler an. Je mehr die Polentaanhänger ihre Leibspeise priesen, desto ungeduldiger wurden alle. Wenn die Polenta gelang, würde sie die verhaßte Minestrone ein für allemal ablösen. Die Schüler gingen dann mit einem Gefühl der angenehmen Sättigung zu Bett. Kein schwappender Minestroneteich im Magen würde sie mehr am Einschlafen hindern. Sie verkündeten deshalb ihre Freude auf dieselbe Art, wie ihre römischen Urväter: sie huldigten Galli durch Inschriften.


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Keine Wand war vor ihnen sicher. Ob im Locus, auf den Tischen im Klassenzimmer oder in der hohen Empfangshalle, überall bezeugten sie Galli ihre Verehrung. Während den Gerühmten in der Küche das vorauseilende Lob immer nervöser machte, hatte selbst der Direktor seine Zimmertüre beschriftet.

Auch Pietro freute sich auf die Polenta, aber nichts lag ihm ferner, als öffentliches Eigentum zu verunstalten. So las er nur: "viva, viva" war der häufigste Aufruf, wobei die beiden v verschlungen wurden und ein v bildeten, um die Wirkung nochmals zu verstärken. Nach wenigen Tagen trugen alle Schulhefte zumindest ein solches w auf dem Umschlag. "Galli semper Galli" ("Einmal Galli, immer Galli") sprang es von der Tafel den Lehrern entgegen.

Der verzweifelte Galli hatte aber, seinen inbrünstigen Stoßgebeten zum Trotz, an dem ausgemachten Tag ausnahmsweise keine Erkältung. Er war beim Angeln auch nicht in den Fluß gefallen und ertrunken.

Also blieb ihm keine andere Wahl, als die verrußte Kellertreppe hinunter zu steigen und den Maisgrieß in den Kupferkessel zu schütten.

Der Kessel war umringt von allen 30 Schülern, die jeden seiner Handgriffe kritisch beobachteten.

Brav befolgte Galli alle Ratschläge, doch der Grieß löste sich nur sehr schwer im Wasser.

Böses ahnend lief Fausto in den Garten, um Brennholz zu suchen. Doch auch ein stärkeres Feuer half kaum. Die böse Vorahnung, des Direktors ging in Erfüllung: die Polenta wurde klumpig.

Mit Schweißtropfen auf der Stirn rührte Galli mit seinem größten Kochlöffel in der blubbernden Masse herum, aber es ließ sich keine Verbesserung feststellen. Langsam schlich ein Schüler nach dem anderen aus der Küche. Galli wußte, daß er nicht nur bei jeder norditalienischen Schwiegermutter durchgefallen wäre, sondern auch seinen Ruf in der Schule für immer ruiniert hatte. Aus dem großen Helden war ein jämmerlicher Verlierer geworden. Tapfer teilte er trotzdem im Speisesaal seine klumpige Polenta aus. Manche Plätze blieben leer, denn nicht alle Schüler wollten sich die Blicke des verzweifelten Galli und die lehmige Polenta antun. Doch es gab auch mutige. Aber selbst den hungrigsten unter ihnen fiel nach einigen Bissen der Löffel aus der Hand. Mit einem langen Gesicht verzogen auch sie sich in ihre Zimmer. Dort klagten sie laut über ihre Bauchschmerzen.

Pietro lag ebenfalls jeder Löffel der mißlungenen Polenta wie ein Ziegel im Magen, aber er aß seine Portion ohne Murren auf.

Gerührt dankte Galli Pietro überschwenglich, indem er ihm unzählige Formaggini zusteckte.


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Eine äußerst unangenehme Überraschung,

Einige Wochen nach dieser Pleite wurde Pietro an den Matrosen aus Brasilien erinnert. Doch in diesem Falle verhielten sich die Dinge plötzlich völlig anders.

Pietro lernte nämlich einen Matador der Liebe kennen, der sich, statt auf dem Balkon zu strahlen, heimlich aus dem Krankenhaus schlich. Dieser Bemitleidenswürdige war niemand anders als Pietros Zimmergenosse Ernesto Petrolini. Er lag vor Schmerzen gekrümmt auf seinem Bett und berichtete Pietro stockend, was ihm zugestoßen war.

Ernesto hatte sich wie Liborio, von dem ich später erzählen werde, in ein Mädchen aus den Weinbergen verguckt. Diese armen Bauerstöchter waren vollkommen anspruchslos und deshalb bei den Schülern sehr beliebt. Ein Glas Limonade genügte, und sie hielten die Jünglinge für Millionäre. Für Pietro waren auch diese Mädchen unerreichbar, er konnte sich nicht einmal selbst Limonade leisten. Deshalb blieb ihm auch das Folgende erspart.

Wie jeder wußte, waren die Frauen in der kleinen Hafenstadt mit einem äußerst unangenehmen Makel behaftet; sie litten unter ererbten Scheidenkrämpfen. Natürlich nicht alle, aber die Unglücklichen unter ihnen erkannte man erst, wenn es schon zu spät war.

Es gab Vermutungen, daß Frauen mit kleinen Pobacken und schmalen Lippen besonders befallen waren. Ein Muttermal im Gesicht sollte hingegen ungestörtes Vergnügen garantieren. Ernesto hatte sich Roberta angelacht. Sie hatte zwar keinerlei Muttermale, dafür aber ein breites Becken und die vollen Lippen eines jungen Kamels. Ernesto wog sich also in Sicherheit.

Am besagten Tag besuchte Ernesto Roberta und wollte endlich anwenden, was er bei den Freudenmädchen gelernt hatte.

Nach einer kleinen Jagd über die Weinterrassen zog er sie zu sich auf den Boden. Ab da wurde Ernestos Erzählung teilweise sehr unscharf.

Er deutete also nur mit Gesten an, daß er völlig problemlos in sie eingedrungen war. Schon nach kurzer Zeit habe er den Rhythmus gefunden und spürte, daß er sich der erträumten Explosion näherte. Doch plötzlich umgriff eine eiserne Zange sein Glied und er schrie auf. Roberta verstand zuerst nicht, wurde dann noch röter, als sie schon war, und fluchte. Sie fürchtete um ihren Ruf und hielt dem Schreienden mit beiden Händen den Mund zu.

"Wir müssen uns nur entspannen," flüsterte sie und schloß ihre Augen.

"Du mußt Dich entspannen," meinte er, biß in ihre Hand, und sie gab Nase und Mund wieder frei.


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Ernesto atmete tief und versuchte, sich an den Schmerz zu gewöhnen. Mit einem Mal spürte er, was ihm in seiner Erregung entgangen war: Ameisen hatten sich einen Weg über seine Pobacken gebahnt. Ihr Marsch führte von seiner kleinen Zehe die Innenseite seines spärlich behaarten Beines entlang über den Sack auf seinen Hintern. Dort schienen die Irrläufer kurz zu verharren und begannen über sein Becken den Abstieg. Wimmernd bat er Roberta, die Ameisen von seinem Po zu vertreiben, doch die heulte nur.

Deshalb versuchte Ernesto, Roberta mit Anekdoten aus dem Internat aufzuheitern, doch sie hörte weder zu weinen auf, noch gab sie sein Glied auch nur einen Zentimeter frei. Eine ganze Stunde lagen sie aneinandergekettet unter den Trauben, Ernesto fluchte, Roberta weinte und betrauerte ihr Schicksal. Erst als sie bemerkten, daß wilde Hunde am Fuß des Weinbergs nach Beute suchten, konnte Ernesto Roberta überreden, um Hilfe zu rufen. Sie schrien aus Leibeskräften, wobei ihre geblähten Lungen sie auseinanderdrückten, was Ernesto sehr schmerzte.

Als ihre Stimmbänder schon brannten, kam endlich ein Bauer den Hang heruntergelaufen. Tragischerweise Robertas Vater. Der sah seine Tochter unter einem fremden Jungen liegen und stieß wüste Schimpfworte auf sie herab.

Pietro, der Ernestos Geschichte gebannt lauschte, traute sich nicht, sich diese Worte ins Deutsche zu übersetzen.

"Hol bitte schnell den Wagen!" wimmerte Roberta unter Tränen.

Laut schimpfend machte sich der Vater auf den Rückweg, nicht ohne zuvor dem verzweifelten Ernesto einen Tritt gegen den nackten Po zu versetzen. Eine Ewigkeit später holperte der Vater auf einem alten Eselkarren den schmalen Feldweg herunter. Er hatte auch einen Nachbarn mitgebracht, der lachte laut. Zu zweit stemmten sie das verhakte Menschenbündel in den zweirädrigen Wagen. Als sie die beiden unter viel Gejammer und Gestöhne in den Karren gelegt hatten, breiteten sie eine große Plane über Ernesto und Roberta. Die waren augenblicklich still, als der Wagen sich in Bewegung setzte.

Doch da, wie anfangs erwähnt, solch ein Transport keine Seltenheit darstellte, ahnte jeder, an dem sie vorbei mußten, was sich unter der Plane verbarg. Vor allem die Kinder umkreisten den Wagen mit großem Gejohle und eskortierten ihn bis zum Krankenhaus. Es gelang ihnen allerdings nicht, einen Blick auf die unfreiwillig Liebenden zu werfen. Der Vater schlug mit seiner Gerte vom Kutschbock herab auf jeden neugierigen Finger, der die Plane berührte. Im Krankenhaus angekommen sprang der Vater vom Karren und suchte einen Arzt. Sie mußten lange warten, da sie nicht in akuter Lebensgefahr waren. Ernesto lugte unter der Plane auf den Hof und sah den alten Enzo. Er hielt eine Packung Sulfonamide in der Hand. Glücklicherweise ging der am Karren vorbei und pfiff nur der herbeieilenden Schwester zu. Die Schwester kletterte in den Wagen und schoß der schluchzenden Roberta eine Spritze Tramal in die Hüfte. Sekunden später war Ernesto frei und Robertas Tränen versiegten. Robertas Vater drückte der Schwester drei Lire in die Hand und bedeutete Ernesto mit der Gerte, den Wagen möglichst schnell zu verlassen. Dann fuhr er krachend davon. Hinkend machte sich Ernesto auf den Heimweg.


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Ein sehr enttäuschendes Wunder

Auch Pietro blieben unangenehme Überraschungen nicht erspart, selbst wenn diese vollkommen anderer Natur waren.

An einem ahnungslosen Samstagnachmittag im September bummelte er gutgelaunt über den Hafen. Da sah er einen Mann, der plötzlich auf einen windigen Holztisch sprang. Sofort scharte sich eine große Menge Schaulustiger um ihn, denn er pries die wunderlichsten Dinge an.

Da gab es Blöckchen, die sich von Geisterhand dort wieder aufschlugen, wo man sie zuletzt geöffnet hatte, Haken, die im nu eine Dose aufbrachen, einen Stock zum Rückenkratzen, Bällchen, die pfiffen, wenn sie auf dem Boden aufschlugen, Postkarten aus Amerika mit großen Autos, Karten, die sich selbst mischten, Glühbirnen, die grünes Licht verstreuten, eine Schere, mit der jeder Haarschnitt gelang, und einen höchst wundersamen Füllfederhalter. Alles zusammen verkaufte der Mann in einer gräulichen Papiertüte für zwei Lire.

Ein Wunderding nach dem anderen zog der eloquente Verkäufer aus der Tüte, hielt es über die Köpfe der Staunenden hinweg gegen die Sonne und rühmte jedes Teil mit großer Hingabe. Seine besondere Liebe galt jedoch dem Füllfederhalter: Ein Blick durch die hölzerne Kappe und man erblicke Santa Maria della Neve, die schönste Kirche am Ort, versprach er, und hielt sich die Kappe immer wieder vors Auge. Er rühmte die Schönheit der Kirche als ein gelungenes Beipiel für die schöne Stadt und ihre liebenswürdigen Einwohner.

Pietro konnte sich das nicht vorstellen. Wie war es möglich, ein Bild in die kleine Kappe zu zaubern?

Die meisten der anderen Sachen schienen erklärlich, aber der Füllfederhalter blieb ihm ein Rätsel. Vielleicht sah man ja gar nicht ausgerechnet diese Kirche, sondern nur irgendeine Kirche, aber trotzdem blieb es ein Mysterium. Ihm gefiel der Gedanke, seinen Freunden daheim im fernen Brixen das Bild des hohen Turms in dem kleinen Stift präsentieren zu können.

Pietro war zwar arm, aber er besaß trotzdem einige Lire, die seine Mutter ihm vor der Abfahrt zugesteckt hatte. Für dieses kleine Taschengeld hatte sie vor den Feiertagen bis Mitternacht im Geschäft Haarhaufen zusammengekehrt.

Der Mann grinste zufrieden, denn seine Wundertüten fanden reißenden Absatz.

Trotz allem sprang er so plötzlich, wie er aufgetaucht war, vom Tisch herunter und sammelte die restliche Ware sehr schnell ein.

Pietro erwischte ihn gerade noch am Rockzipfel, als er bereits am Weglaufen war.

Der Mann verkaufte ihm hastig eine Tüte und wollte sich wieder davon machen. Doch Pietro hatte schon einen Atemzug später den Füllfederhalter herausgeangelt. Er blickte durch ein hohles Holzröhrchen und sah nur den blauen Himmel.

"Da sieht man ja gar keine Kirche!" schrie er entsetzt. Da rief ihm der Mann im Fortlaufen lachend zu:

"Da mußt Du Dich schon vor die Kirche stellen, dann siehst Du sie!"

Mit Tränen in den Augen stolperte Pietro dem Schwindler nach, doch eine Gruppe bummelnder Matrosen versperrte ihm die Sicht. Als er sich endlich einen Weg durch die Matrosen gebahnt hatte, war der Mann verschwunden.

Verzweifelt setzte er sich auf die nächste Bank und breitete alle Gegenstände vor sich aus. Doch seine Hoffnung, daß wenigstens eines von den Dingen in der Tüte brauchbar war, verflog bald.

Die Wunderschere war stumpf, der Ball stumm, die Glühbirne zerbrochen, und mit dem Rückenkratzer zog er sich sofort einen Schiefer ein.

Nur die Fotos aus Amerika sollten ihm einmal weiterhelfen, aber das wußte er noch nicht, als er fassungslos auf seinen neuen Besitz starrte.

Er warf das Holzstäbchen ins ölige Hafenwasser und rannte den Berg hoch ins Internat, wo er sich schluchzend auf sein Bett warf.

 
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