Eike-Wolfgang Kornhass


 

Oma.Mutter.Bub

 

Es war einmal eine alte Frau. Die war schon ein wenig wirr im Kopf und hatte Knochenschwund. Eines Tages, als sie ihren Einkauf machen wollte, verlor sie auf der Straße hundert Mark. Da kam ein Bub aus der Nachbarschaft des Weges und fand das Geld. Er nahm es und kaufte sich davon Schokolade, Bier, Zigaretten und viel, viel Brausepulver. Als er seiner Mutter spät an Abend unter die Augen trat, war er ganz süßgeschmier, bierbesoff, qualmgestink und brausgeschwell, so daß er fortwährend pupsen mußte. Das alles gefiel der Mutter wenig und sie schimpfte ihn kreisch und ballerte ihm wohl zehn gewaltige Bockfotzen. Und weil der Bauch des Buben von der vielen Brause immer bläher wurde und erst das Klo ausfüllte, dann die Küche, dann den Gang, dann die Stube und schließlich die ganze Wohnung, dachte die Mutter bei sich: ehe die Sohnesbläh noch das ganze Haus ausbraust und auf die Straße schwillt und noch weiter und die Familie deswegen mit dem Hausbesitzer und dem Straßenbesitzer und dem Stadtbesitzer und dem Besitzer des ganzen Landes Schwierigkeiten kriegt, muß ich schnell und strengabergerecht handeln. Und sie holte die größte Heugabel aus dem noch unverblähten Stall und machte dem Söhnchen einen tiefen Pansenstich. Zischschsch tat es da und von den ausfahrenden Brausestürmen wehte es die Scheiben aus den Fenstern und die Bäume vor dem Haus um und die Autos von der Straße und sogar die Mercedesse. Gar bald war der Bauch des Buben wieder platt, aber wegen der schmerzenden Mistgabellöcher mußte er heftig weinen. Da floh er vor der tatstarken und strengabergerechten Mutter auf die Straße. Dort traf er die alte Frau, die ihn sogleich fragte, ob er ihre hundert Mark gefunden hätte. Da log der Bub nein, und trat der Oma an das knochenschwache Schienbein, daß es barst. Da nahm die Alte ihren Haklstecken und schlug dem Buben dergestalt auf das Nasenbein, daß es barst und elendiglich zu bluten anfing. Da lief der Bub wieder nachhaus zu seiner strengabergerechten Mutter. Die erschrak darob sehr und blickte gramvoll drein, weil sie nämlich nicht nur strengabergerecht, sondern auch mitfühlundherzensgut war. Und sie verband ihrem Sohn die geborstene Nase und schenkte ihm zum Trost freigebig hundert Mark. Da ward der Bub wieder heiter und lief auf die Straße zurück, wo er seinen besten Freund traf. Dem schenkte er freigebig, ApfelnichtweitvomStamm von der Mutter geerbt, die hundert Mark und log, sie wären von der alten Frau. Da nahm sein bester Freund voller Freude das Geld und kaufte sich davon Schokolade, Bier, Zigaretten und viel, viel Brausepulver. Und als der beste Freund seiner Mutter spät am Abend unter die Augen trat, war er ganz süßgeschmier, bierbesoff, qualmgestink und brausgeschwell, so daß er fortwährend pupsen mußte. Das alles gefiel der Mutter wenig und sie schimpfte kreisch und ballerte Bockfotzen und Sohnesbläh und Hausausbraus und Pansenstich und Baumumweh und Mercedesse weg. Und Bauchwiederplatt und Mistgabellöcherschmerz und Straßeflieh. Dort traf er die alte Frau, die auch ihn sogleich fragte, ob er ihre hundert Mark gefunden hätte. Da erkannte er im selben Augenblick den Betrug seines Freundes. Und weil der gerade nicht da war und eigentlich die Oma an allem Schuld war, trat er mit voller Wucht der Alten an das andere knochenschwache Schienbein, daß auch dieses barst. Da nahm die Oma ihren Haklstecken und schlug dem Buben auf das Nasenbein und es barst und blutete elendiglich. Und Bub nachhaus und strengabergerechte und herzensgutfreigebige Mutter verband und schenkte zum Trost hundert Mark. Da ward der Bub wieder heiter und lief auf die Straße und traf einen Buben aus Gutmenschenland, der von seiner gutaberguten Mutter ApfelnichtweitvomStamm die Ehrlichkeit geerbt hatte. Dem schenkte er die hundert Mark und log, sie wären von einer alten Frau, die sie nicht mehr brauche. Der fremde Bub freute sich und nahm die hundert Mark und wollte sich gerade Schokolade, Bier, Zigaretten und viel, viel Brausepulver kaufen, als er auf die schienbeingeborstene Oma traf, die ihn auch sogleich fragte, ob er ihre hundert Mark gefunden hätte. Da erkannte der Gutbub aus Gutmenschenland, daß ihn der Schenkebub getäuscht hatte, und gab der Oma das Geld zurück. Da freute sich die Alte und als sie im Krankenhaus lag und ihr die geborstenen Beine abgeschnitten worden waren und sie zufrieden war, weil kein grober Bub ihr mehr ans knochenschwache Schienbein treten konnte, und ihr Enkelsohn sie besuchte, da gab sie ihm die hundert Mark und sagte, er solle sich davon Schokolade, Bier, Zigaretten und viel, viel Brausepulver kaufen.


EIKE-WOLFGANG KORNHASS