Eike-Wolfgang Kornhass

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Bißchen


   Zug nach S. Dem Reisenden gegenüber eine junge Frau. Als der Schaffner erschien
und sich ihren Fahrschein zeigen ließ, wurde ein Irrtum offenbar: sie fuhr in die falsche
Richtung. Uneinsichtig brach sie darauf einen Streit vom Zaun, inszenierte geradezu
eine fruchtlose Diskussion darüber, warum dieser Expreß nach S. und nicht, wie von ihr
gewünscht, nach A. unterwegs sei. Die Frau argumentierte mit verbissener Geschicklichkeit
und scheute sich nicht, dem recht hilflosen Kondukteur anhand der Relativitätstheorie
die prinzipielle Richtigkeit ihrer Position zu beweisen. Der ungleiche Schlagabtausch
eskalierte zum Spektakel. Dem Reisenden fiel auf, daß die inzwischen dadaistisch
auftrumpfende Kämpferin ein exzellentes Gebiß besaß. Sie fletschte. Er empfand dies
als bedrohlich und sucht Schutz hinter seiner Zeitung. Ein kurzer Schmerzenslaut des
Beamten ließ ihn wieder aufblicken. Der Bahnmensch war zurückgewichen und verschwand
unverzüglich in Richtung Dienstabteil. Die Kontrahentin wischte sich den Mund
ab und strahlte: ,,Sehen Sie, man muß nicht Recht h a b e n , sondern Recht b e -
k o m m e n !" Sie kann nur Juristin sein, dachte er.
   Soeben hastete der Schaffner mit verbundener Hand vorüber, als die Frau ihr
Gegenüber erneut ansprach. Das Thema wechselnd plauderte sie schwärmerisch: ,,Ich
hab' mir schon als ganz junges Mädchen gewünscht, von einem richtigen Räuber
entführt zu werden. Übrigens, Bißchen mein Name, Bißchen mit Eßzett." ,,Sehr
angenehm, Raublinger, äh, ich heiße so", reagierte er verwirrt. Sie stieß einen
Freudenschrei aus: ,,Und Sie haben einen ganzen Zug in Ihre Gewalt gebracht, um
einzig und allein mich zu rauben!" Ihm war sofort klar: Widerstand zwecklos bei dieser
Person. Schiller, Theorie von der Aufhebung des Gegensatzes durch Bejahung. Also
fabulierte er, wie er das Zugpersonal eigens ihretwegen unter Hinweis auf versteckt
angebrachte Sprengladungen zur Änderung der Fahrtrichtung gezwungen habe. Das
sei, fügte er selbstgefällig hinzu, für ihn als Profi keine sonderlich schwierige Aufgabe
gewesen. Habe er doch schon zusammen mit Lauritz Melchior die berühmte Entführung
aus dem Serail inszeniert. Bißchen sprang auf, fiel ihm um den Hals und deklamierte
theatralisch: ,,Welch überwältigende kriminelle Energie! Ich bin Dir verfallen! Nimm mich!"
Gemeinsam stiegen sie am Seebahnhof aus, um Fisch essen zu gehen. Bißchen
überredete den Kellner, ihr fünf Saiblinge roh zu servieren, welche sie innerhalb
kürzester Zeit samt Kopf und Gräten aus der Hand aß wie andere einen Apfel. ,,Undine
Piranha in Menschengestalt", murmelte Raublinger und grauste sich. Seine Vorbehalte
wurden aber bald vom reichlich fließenden Wein unterspült, und er schwamm schließlich
in Seligkeit. Später warf Undine ihre Netze und verführte ihn zähnefletschend. Unmittelbar
nach dieser Nacht hörig geworden, brach Raublinger sämtliche Kontakte zu Familie
und Außenwelt ab, um fortan mit seiner Geliebten am See zu leben.
   Irgendwann wurde das Geld knapp. Bißchen hatte unglaubliche Mengen an Lebensmitteln
vertilgt, Fleisch, Fisch und Geflügel grundsätzlich roh. Die Rationen mußten
gekürzt werden. Da begann die Entführte, vor allem nachts, zärtlich am Liebsten zu
nagen. Bißchen tat's nur ein bißchen. Bißchen als Stimulans. Dann Übergang zum stets
heftiger werdenden Biß. Bis zur Schlafstörung. Der Gebissene ertrug es, liebte er seine
Peinigerin doch unendlich und noch ein bißchen.
   Eines Morgens fand sich Raublinger mit ausgefransten Ohren und schweren Bißwunden
am ganzen Körper. Er bestrich daraufhin die lädierten Partien mit Senf in der
Hoffnung, dies werde abschreckend wirken. Das Gegenteil war der Fall. Bißchens
Appetit steigerte sich nur. Nach einer heftigen Liebesnacht fehlten beide Hörmuscheln,
und die Nase war bis auf di,e Wurzel abgenagt. Das verminderte Opfer lag, vom
Blutverlust geschwächt, duldsam im Bett und fieberträumte von Ohrwürmern und
Nasobehmen.
   Nach Verbrauch der letzten Vorräte leitete Bißchen das Ende dieses nahrhaften
Liebesverhältnisses ein. Während eines starken Gewitters, in dessen Donner Raublingers
Schreie untergingen, schlug sie ihre Hauer in seine Hinterbacken, um den
Schinken Stück für Stück herauszureißen und hinabzuschlingen. Waden, Schenkel, Brust
und Arme stillten die Gier nur für Stunden. Schließlich riß die Blutberauschte dem
Geliebten die Bauchdecke auf und löste mit wenigen Schneidbissen die Innereien aus
den Verankerungen. Leber, Magen, Nieren, das Gedärm und die Lungen wurden
verspeist. Nicht einmal die Galle blieb von der Freßwut verschont. Des Geschundenen
mattes Lächeln erstarb erst, als die Unersättliche nach einem letzten, blutinnigen Kuß
das Herz zwischen den Kiefern zermalmt und die Hirnmasse aus der aufgebrochenen
Schädelschale geschlürft hatte.
   Drei Tage verbrachte Bißchen neben dem endlich vollkommen abgenagten Skelett des
einstmals kühnen Zugentführers Raublinger. Vor Hunger schon fast wahnsinnig, legte
sie schließlich Zahn an sich. Immerhin schaffte es die Selbstversorgerin, ihren Körper
von unten her bis zu den Brüsten zu verspeisen. Sie lebte noch, als man die Hoteltür
gewaltsam öffnete, weil Blutlachen auf den Flur geronnen waren.
 "Kombinierter extra- und autoaggressiver Kanibalismus", diagnostizierte der Arzt.
 "Nebenbei: phantastisch leistungsfähiges Gebiß, sehen Sie nur, Herr Direktor!" Er
klappte die Kiefer der Halbgefressenen auseinander und griff in die Mundhöhle, um die
hinteren Zähne abtasten zu können. Nein, kein Bißchen mehr. Bißchen war tot.